Warum ist Konstruktionsvollholz formstabiler als herkömmliches Bauholz?
Konstruktionsvollholz (KVH) ist deshalb deutlich formstabiler als herkömmliches Bauholz (oft als „Schnittklasse A“ oder „frisches Bauholz“ bezeichnet), weil es einen speziellen Veredelungsprozess durchläuft.
Hier sind die Hauptgründe für die hohe Formstabilität:
1. Die kontrollierte Kammertrocknung (Wichtigster Punkt)
Der entscheidende Faktor ist die niedrige Holzfeuchte.
- KVH: Es wird technisch auf eine Zielfeuchte von 15 % (± 3 %) getrocknet. Das entspricht in etwa der Ausgleichsfeuchte, die das Holz später in geschlossenen Bauwerken annimmt. Da das Holz bereits trocken ist, wenn es verbaut wird, "arbeitet" es kaum noch.
- Herkömmliches Bauholz: Es wird oft „frisch“ oder nur oberflächlich getrocknet verbaut (Feuchtigkeit oft über 20-30 %). Wenn dieses Holz nach dem Einbau im Gebäude trocknet, schwindet es, verzieht sich, verdreht sich oder reißt.
2. Der herzgetrennte oder herzfreie Einschnitt
Das Zentrum des Baumstammes (die Markröhre oder das „Herz“) ist der Bereich mit den größten Spannungen. Wenn dieser Bereich im Balken bleibt, neigt das Holz extrem zum Reißen und Verdrehen.
- KVH: Es wird grundsätzlich herzgetrennt oder sogar herzfrei eingeschnitten. Das bedeutet, der Stamm wird so gesägt, dass die Markröhre entweder durchtrennt oder ganz entfernt wird. Dadurch werden die inneren Spannungen des Holzes massiv reduziert.
- Herkömmliches Bauholz: Hier wird oft das „ganze Herz“ im Balken belassen (einstieliger Einschnitt), was zu den typischen großen Trockenrissen führt.
3. Die Keilzinkung
KVH kann durch die sogenannte Keilzinkung in fast beliebigen Längen hergestellt werden.
- Vor dem Verleimen werden Fehlstellen wie große Äste, Harzgallen oder Risse, die die Stabilität und Formruhe beeinträchtigen könnten, ausgeharkt (ausgeschnitten).
- Die kurzen, fehlerfreien Stücke werden dann per Keilzinkung fest miteinander verbunden. Das Ergebnis ist ein homogenerer Werkstoff als ein natürlich gewachsener Balken.
4. Strenge Sortierung
KVH unterliegt strengeren Sortierkriterien als einfaches Bauholz (festgelegt in der Norm EN 15497). Holzstücke, die zu starker Verdrehung neigen oder zu viele Astlöcher aufweisen, werden bereits im Vorfeld aussortiert.
Die Vorteile in der Praxis:
Durch diese Eigenschaften bietet KVH entscheidende Vorteile für den modernen Holzbau:
- Passgenauigkeit: Verbindungen bleiben dicht, es entstehen keine Spalte durch nachträgliches Schrumpfen.
- Luftdichtheit: Da kaum Trockenrisse entstehen, bleibt die Gebäudehülle (wichtig für den KfW-Standard/Passivhaus) dauerhaft dicht.
- Optik: Es entstehen deutlich weniger optisch störende Risse.
- Verzicht auf chemischen Holzschutz: Durch die niedrige Feuchtigkeit (unter 20 %) ist KVH resistent gegen Pilzbefall, weshalb man in den meisten Fällen auf chemische Holzschutzmittel verzichten kann (nach DIN 68800).
Zusammenfassend: KVH ist deshalb so formstabil, weil ihm die Feuchtigkeit und die inneren Spannungen (durch den speziellen Einschnitt) bereits vor der Verarbeitung entzogen wurden.