Warum kann es trotz technischer Trocknung bei Konstruktionsvollholz nachträglich zu Harzaustritten kommen?
Dass es bei Konstruktionsvollholz (KVH) trotz der technischen Trocknung nachträglich zu Harzaustritten kommt, liegt an den physikalischen und chemischen Eigenschaften von Nadelholz (meist Fichte oder Kiefer).
Obwohl die technische Trocknung das Risiko minimiert, kann sie es aus folgenden Gründen nicht zu 100 % ausschließen:
1. Temperaturdifferenz (Die "Aktivierungstemperatur")
Bei der technischen Trocknung von KVH wird das Holz üblicherweise auf eine Kernfeuchte von ca. 15 % (+/- 3 %) gebracht. Die Temperaturen in der Trockenkammer liegen dabei oft im Bereich von 55 °C bis 65 °C.
- Das Problem: Wenn das Holz später verbaut wird und beispielsweise durch direkte Sonneneinstrahlung (hinter Glas oder bei dunklen Anstrichen an der Fassade) Temperaturen erreicht, die höher liegen als die Trocknungstemperatur, verflüssigt sich das im Holz verbliebene Harz erneut. Es dehnt sich aus und drückt durch die Kapillaren an die Oberfläche.
2. Verborgene Harzgallen
Nadelhölzer besitzen sogenannte Harzgallen. Das sind hohlraumartige Linsen im Holz, die mit flüssigem Harz gefüllt sind.
- Bei der technischen Trocknung trocknet das Holz von außen nach innen. Das Harz in tief liegenden, geschlossenen Harzgallen bleibt oft flüssig oder nur zähflüssig.
- Wird das Holz später bearbeitet (gehobelt, gesägt) oder entstehen durch Schwindung kleine Risse, wird eine solche Harzgalle "angezapft" und das Harz tritt aus.
3. Unvollständige Kristallisation
Harz besteht aus festen Bestandteilen (Kolophonium) und flüchtigen Bestandteilen (Terpentinöle). Damit Harz dauerhaft fest wird, müssen die flüchtigen Bestandteile verdunsten.
- Dieser Prozess ist zeitintensiv. Wenn die Verweildauer in der Trockenkammer zu kurz war, ist das Harz im Inneren des Holzes noch nicht vollständig "verstockt" (ausgehärtet). Sobald Wärme von außen einwirkt, wird es wieder fließfähig.
4. Kapillarwirkung und Holzfeuchteschwankungen
Holz ist ein hygroskopischer Werkstoff, es arbeitet also ständig. Wenn das Holz Feuchtigkeit aufnimmt oder abgibt, entstehen Spannungen im Gefüge. Diese mechanischen Bewegungen können wie eine Pumpe wirken, die flüssige Harzreste aus den Harzkanälen nach draußen drückt.
5. Einfluss von Lösemitteln (bei Anstrichen)
Oft tritt Harz erst auf, nachdem das Holz gestrichen wurde. Manche lösemittelhaltigen Lasuren oder Farben können das bereits erstarrte Harz im oberflächennahen Bereich wieder anlösen und so den Austritt begünstigen.
Was kann man tun?
- Abwarten: Harz, das einmal ausgetreten ist, wird an der Luft mit der Zeit hart und spröde (kristallisiert).
- Mechanisch entfernen: Erst wenn das Harz ganz hart ist, sollte man es mit einem Spachtel oder Stecheisen vorsichtig abkratzen. Im flüssigen Zustand verschmiert man es nur in die Holzporen.
- Reinigung: Reste können mit Entharzer oder Spiritus entfernt werden.
- Spezial-Grundierungen: Bei deckenden Anstrichen sollten "Isoliergründe" verwendet werden, die verhindern, dass Harzbestandteile den Lackfilm verfärben oder durchbrechen.
Zusammenfassend: Die technische Trocknung reduziert den Harzfluss massiv, da ein Großteil der flüchtigen Stoffe entweicht und das Harz zäher wird. Da Harz aber ein natürlicher Bestandteil des Holzes ist und in abgeschlossenen Taschen (Gallen) überdauert, bleibt ein Restrisiko bei starker Erwärmung immer bestehen.