Welche Gefahr besteht bei der unkontrollierten Anreicherung von Grundnahrungsmitteln mit Folsäure für die allgemeine Bevölkerung?

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Die Anreicherung von Grundnahrungsmitteln mit Folsäure (der synthetischen Form des B-Vitamins Folat) ist ein kontroverses Thema. Während sie unbestreitbar dazu beiträgt, Neuralrohrdefekte (wie „offener Rücken“) bei Neugeborenen zu verhindern, gibt es bei einer unkontrollierten oder flächendeckenden Anreicherung potenzielle gesundheitliche Risiken für die allgemeine Bevölkerung.

Hier sind die wichtigsten Gefahren und Bedenken:

1. Maskierung eines Vitamin-B12-Mangels

Dies ist das am häufigsten angeführte Risiko.

  • Der Mechanismus: Ein Mangel an Vitamin B12 führt zu einer speziellen Form der Blutarmut (megaloblastäre Anämie) und zu Nervenschäden. Hohe Dosen Folsäure können die Blutarmut korrigieren („maskieren“), so dass das Blutbild bei einer Untersuchung normal erscheint.
  • Die Gefahr: Die neurologischen Schäden durch den B12-Mangel schreiten jedoch unbehandelt fort und können irreversibel werden (z. B. Taubheitsgefühle, Gangstörungen, Demenz). Besonders ältere Menschen und Veganer sind hiervon betroffen.

2. Mögliche Förderung bestehender (präkanzeröser) Läsionen

Folat spielt eine zentrale Rolle bei der Zellteilung und der DNA-Synthese. Hier zeigt sich ein „zweischneidiges Schwert“:

  • Prävention vs. Promotion: Während eine ausreichende Folatzufuhr die Entstehung von Krebs bei Gesunden verhindern kann, gibt es Hinweise darauf, dass sehr hohe Dosen synthetischer Folsäure das Wachstum von bereits vorhandenen Krebsvorstufen (z. B. Adenome im Darm) beschleunigen könnten.
  • Die Gefahr: Bei Menschen mit unentdeckten Krebsvorstufen könnte die zusätzliche Folsäure das Tumorwachstum fördern.

3. Auftreten von unmetabolisierter Folsäure (UMFA) im Blut

Natürliches Folat aus der Nahrung wird im Darm verarbeitet. Synthetische Folsäure hingegen muss in der Leber durch ein Enzym (Dihydrofolat-Reduktase) umgewandelt werden.

  • Der Sättigungseffekt: Die Kapazität dieses Enzyms ist begrenzt. Bei einer hohen Zufuhr (über 200–400 µg pro Tag zusätzlich zur Nahrung) gelangt unveränderte, synthetische Folsäure direkt in den Blutkreislauf.
  • Die Gefahr: Die langfristigen Auswirkungen von UMFA (Unmetabolized Folic Acid) sind noch nicht vollständig geklärt. Es gibt jedoch Studien, die einen Zusammenhang mit einer verringerten Aktivität von natürlichen Killerzellen (wichtig für das Immunsystem) diskutieren.

4. Kognitive Beeinträchtigung bei älteren Menschen

Neuere Studien (insbesondere aus den USA, wo die Anreicherung Pflicht ist) deuten darauf hin, dass die Kombination aus hohen Folsäurewerten und gleichzeitigem Vitamin-B12-Mangel das Risiko für kognitiven Abbau und Demenz bei älteren Menschen erhöhen könnte.

5. Überschreitung der Höchstmenge (Upper Level)

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat eine tolerierbare Höchstverzehrmenge von 1000 µg (1 mg) Folsäure pro Tag für Erwachsene festgelegt.

  • Die Gefahr: Wenn Grundnahrungsmittel (Mehl, Salz, Milch) angereichert werden und eine Person zusätzlich angereicherte Getränke (Energy-Drinks, Säfte) oder Nahrungsergänzungsmittel zu sich nimmt, kann diese Grenze leicht überschritten werden.

Zusammenfassung der Situation in Deutschland

Im Gegensatz zu Ländern wie den USA oder Kanada gibt es in Deutschland und den meisten EU-Ländern keine Pflicht zur Anreicherung von Mehl mit Folsäure. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ist hier zurückhaltend, da:

  1. Die Zielgruppe (Frauen mit Kinderwunsch) gezielt Tabletten nehmen kann.
  2. Die Risiken für die Restbevölkerung (insbesondere Senioren) als zu unklar oder potenziell gefährlich eingestuft werden.

Fazit: Die Gefahr besteht darin, dass eine "Gießkannenmethode" zwar einer kleinen Gruppe (Schwangere/Ungeborene) hilft, aber bei anderen Bevölkerungsgruppen (Ältere, Menschen mit Krebsvorstufen) unerwünschte biologische Effekte auslösen könnte.

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