Erhöht eine dauerhafte Überdosierung von Folsäure das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen?

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Die wissenschaftliche Antwort auf diese Frage ist komplex und lässt sich am besten mit dem Begriff der „Doppelrolle“ (Dual Effect) beschreiben. Es gibt tatsächlich Hinweise darauf, dass eine dauerhaft sehr hohe Zufuhr von synthetischer Folsäure das Risiko für bestimmte Krebsarten beeinflussen kann.

Hier sind die wichtigsten Erkenntnisse der aktuellen Forschung:

1. Die Hypothese der Doppelrolle

Die Forschung deutet darauf hin, dass Folsäure (Vitamin B9) je nach Zeitpunkt und Dosierung unterschiedlich wirkt:

  • Präventiv: Eine ausreichende Folsäure-Zufuhr schützt gesunde Zellen vor DNA-Schäden und Mutationen, was die Entstehung von Krebs verhindern kann.
  • Beschleunigend: Wenn jedoch bereits (oft unentdeckte) Krebsvorstufen oder Tumorzellen im Körper vorhanden sind, kann eine Überdosierung deren Wachstum beschleunigen. Da Krebszellen sich schnell teilen, benötigen sie viel Folat für die Synthese ihrer DNA.

2. Spezifische Krebsarten im Fokus

Die Studienlage ist bei verschiedenen Krebsarten unterschiedlich:

  • Darmkrebs (Kolorektales Karzinom): Dies ist das am besten untersuchte Gebiet. Einige Studien (z. B. die Aspirin/Folate Polyp Prevention Study) zeigten, dass hohe Dosen von Folsäure (1 mg/Tag) bei Menschen, die bereits Polypen hatten, das Risiko für das Auftreten neuer, fortgeschrittener Polypen leicht erhöhen könnten.
  • Prostatakrebs: Es gibt Beobachtungsstudien, die einen Zusammenhang zwischen sehr hohen Folsäure-Spiegeln im Blut und einem erhöhten Risiko für Prostatakrebs nahelegen. Die Ergebnisse sind jedoch nicht in allen Studien konsistent.
  • Brustkrebs: Hier ist die Datenlage widersprüchlich. Während ein moderater Folatspiegel schützend wirkt, gibt es Hinweise, dass extrem hohe Dosen nach einer Krebsdiagnose das Fortschreiten begünstigen könnten.

3. Folsäure vs. Folat

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen den Begriffen:

  • Folat: Kommt natürlich in Lebensmitteln vor (grünes Blattgemüse, Hülsenfrüchte). Eine „Überdosierung“ durch natürliche Lebensmittel gilt als fast unmöglich und unbedenklich.
  • Folsäure: Die synthetische Form in Nahrungsergänzungsmitteln und angereicherten Lebensmitteln. Diese wird vom Körper anders verarbeitet. Bei hohen Dosen (über 1.000 µg pro Tag) kann nicht-metabolisierte Folsäure (UMFA) im Blut zirkulieren. Es wird diskutiert, ob diese freie Folsäure negative gesundheitliche Effekte hat.

4. Grenzwerte und Empfehlungen

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und andere Fachgesellschaften haben eine Obergrenze (Tolerable Upper Intake Level) festgelegt:

  • Erwachsene: Maximal 1.000 µg (1 mg) synthetische Folsäure pro Tag durch Supplemente oder angereicherte Lebensmittel.
  • Die normale tägliche Empfehlung für Gesunde liegt bei etwa 300 bis 400 µg.

5. Wer sollte vorsichtig sein?

  • Ältere Menschen: Da mit dem Alter das Risiko für unentdeckte Krebsvorstufen (z. B. Darmpolypen) steigt, wird hier von einer unnötigen, hochdosierten Supplementierung ohne ärztlichen Rat abgeraten.
  • Krebspatienten: Während einer Krebstherapie sollte die Einnahme von Folsäure unbedingt mit dem Onkologen abgesprochen werden, da sie die Wirkung einiger Chemotherapeutika (z. B. Methotrexat) beeinflussen kann.

Fazit

Ja, eine dauerhafte, massive Überdosierung (deutlich über 1.000 µg/Tag) steht im Verdacht, das Wachstum bereits bestehender Krebsvorstufen zu fördern.

Für die Allgemeinbevölkerung gilt:

  1. Folat durch Ernährung ist sicher und gesund.
  2. Supplementierung ist sinnvoll für Frauen mit Kinderwunsch (zur Vorbeugung von Neuralrohrdefekten) oder bei einem medizinisch nachgewiesenen Mangel.
  3. Viel hilft nicht viel: Wer keine Mangelerscheinungen hat, sollte keine hochdosierten Präparate „auf Verdacht“ einnehmen.

Hinweis: Diese Informationen dienen der allgemeinen Aufklärung und ersetzen keine ärztliche Beratung.

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