Warum wird die empfohlene Ziehzeit von Tee im hektischen Gastronomiealltag oft nicht eingehalten?
Dass die empfohlene Ziehzeit von Tee in der Gastronomie oft nicht eingehalten wird, hat meist strukturelle, personelle und logistische Gründe. Im hektischen Alltag kollidieren die sensiblen Anforderungen des Produkts „Tee“ mit der harten Realität des Servicebetriebs.
Hier sind die Hauptgründe im Detail:
1. Der Zeitfaktor und Multitasking
In Stoßzeiten müssen Servicekräfte oft viele Aufgaben gleichzeitig erledigen: Bestellungen aufnehmen, Getränke zapfen, Essen servieren und abkassieren. Ein Tee, der exakt nach 3 oder 5 Minuten serviert oder dessen Beutel entfernt werden müsste, passt kaum in diesen getakteten Ablauf. Wenn der Bon reinkommt, wird das Wasser aufgebrüht, der Beutel eingeworfen und das Tablett fertiggemacht. Das Timing der Ziehzeit wird dabei zur Nebensache.
2. Verantwortungsverschiebung an den Gast
In vielen Betrieben wird die Verantwortung für die Ziehzeit bewusst an den Gast delegiert. Der Tee wird serviert, während der Beutel oder das Sieb noch in der Kanne/Tasse ist.
- Das Problem: Der Gast ist oft in Gespräche vertieft oder abgelenkt und vergisst, den Beutel herauszunehmen.
- Die Folge: Der Tee zieht zu lange, wird bitter (besonders bei Schwarz- und Grüntee) oder zu stark.
3. Logistik und Servicewege
Vom Moment, in dem das heiße Wasser eingegossen wird, beginnt die Ziehzeit. Wenn die Servicekraft dann noch drei andere Getränke zubereiten muss oder der Weg zum Tisch weit ist, verstreichen wertvolle Minuten. Oft steht der Tee auch einige Zeit auf der Anrichte, bevor er tatsächlich zum Gast getragen wird.
4. Mangelndes Fachwissen (Training)
Tee wird in der klassischen Gastronomie-Ausbildung oft stiefmütterlich behandelt – verglichen mit Wein oder Kaffee (Barista-Kult).
- Vielen Mitarbeitern ist nicht bewusst, dass die Ziehzeit bei Tee eine chemische Komponente hat: Bei schwarzem Tee lösen sich nach ca. 3 Minuten vermehrt Gerbstoffe (Tannine), die das Koffein binden und den Tee bitter machen.
- Grüner Tee wird bei zu heißem Wasser oder zu langer Ziehzeit ungenießbar. Ohne dieses Wissen fehlt das Bewusstsein für die Dringlichkeit des richtigen Timings.
5. Fehlendes Equipment
In einem hektischen Betrieb fehlen oft einfache Hilfsmittel wie:
- Sanduhren oder Timer: Diese müssten für jeden Tisch separat mitgegeben werden.
- Ablageschälchen: Wenn kein Platz ist, um den nassen Beutel oder das Sieb hygienisch abzulegen, lässt der Gast ihn lieber im Wasser.
- Temperaturkontrolle: Viele Kaffeemaschinen geben Wasser aus, das für grünen Tee viel zu heiß ist (nahe 100°C statt 70-80°C).
6. "Kaffee-Mentalität"
Die Gastronomie ist stark auf Schnelligkeit optimiert (Espresso-Prinzip: Knopf drücken, 25 Sekunden, fertig). Tee ist jedoch ein „Slow Beverage“. Der Kontrast zwischen der geforderten Geschwindigkeit im Service und der nötigen Ruhe für die Teezubereitung führt dazu, dass die Qualität des Tees meist als Erstes geopfert wird.
7. Personalmangel
Wenn eine Servicekraft allein eine ganze Terrasse bedienen muss, ist es schlicht unmöglich, nach exakt 180 Sekunden wieder am Tisch zu sein, um den Teebeutel zu entfernen. Das System „Beutel in der Tasse servieren“ ist hier die einzig praktikable Lösung, auch wenn sie qualitativ minderwertig ist.
Fazit
Die Missachtung der Ziehzeit ist meist keine böse Absicht, sondern ein Kompromiss an die Wirtschaftlichkeit.
Lösungsansätze in der gehobenen Gastronomie:
- Servieren von Tee in Kannen, bei denen das Sieb nach oben gezogen und arretiert werden kann.
- Mitgabe einer kleinen Sanduhr auf dem Tablett.
- Verwendung von Teesorten, die weniger fehleranfällig sind (z. B. Kräutertees oder spezielle Mischungen, die nicht so schnell bitter werden).