Warum ist Mineralwasser oft nicht mineralstoffreicher als herkömmliches Leitungswasser?

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Es mag paradox klingen, aber der Name „Mineralwasser“ ist heute kein Garant mehr für einen besonders hohen Gehalt an Mineralien wie Calcium, Magnesium oder Kalium. Dass Leitungswasser oft mithalten kann oder sogar mineralstoffreicher ist, hat mehrere Gründe:

1. Änderung der Rechtslage (Die 1.000-mg-Grenze)

Früher gab es in Deutschland eine strikte Regelung: Ein Wasser durfte sich nur dann „Natürliches Mineralwasser“ nennen, wenn es mindestens 1.000 Milligramm gelöste Mineralstoffe pro Liter enthielt.

Diese Vorschrift wurde jedoch 1980 aufgehoben (im Zuge der EU-Harmonisierung). Heute definiert sich Mineralwasser primär über seine Herkunft aus unterirdischen, vor Verunreinigungen geschützten Wasservorkommen und seine „ursprüngliche Reinheit“. Wie viele Mineralien darin gelöst sind, spielt für die Verkaufsbezeichnung keine Rolle mehr.

2. Die Geologie ist entscheidend

Sowohl Mineralwasser als auch Leitungswasser (das in Deutschland zu ca. 70 % aus Grund- und Quellwasser besteht) gewinnen ihre Inhaltsstoffe aus den Gesteinsschichten, durch die sie fließen.

  • Fließt Wasser durch Kalkstein, reichert es sich mit Calcium und Magnesium an.
  • Fließt es durch Granit oder Sandstein, bleibt es mineralstoffarm („weiches Wasser“).

Wenn ein Mineralbrunnen in einer mineralstoffarmen Region bohrt, das Leitungswasser einer Stadt aber aus einer mineralstoffreichen Region kommt, gewinnt das Leitungswasser den Vergleich mühelos.

3. Marketing und Geschmackstrends

Viele Verbraucher bevorzugen heute Wasser, das „sanft“ oder „neutral“ schmeckt. Ein hoher Mineralstoffgehalt kann den Geschmack stark beeinflussen:

  • Viel Magnesium schmeckt oft leicht bitter.
  • Viel Natrium/Chlorid schmeckt salzig.
  • Viel Sulfat kann einen herben Nachgeschmack haben.

Um eine breite Masse an Käufern anzusprechen, vermarkten viele Hersteller Wässer mit geringer Mineralisierung als „besonders rein“ oder „bekömmlich“. Auch Wässer, die für die Zubereitung von Säuglingsnahrung geeignet sind, müssen sogar Grenzwerte bei bestimmten Mineralien einhalten (z. B. Natrium), was zu einer eher niedrigen Gesamtfraktion führt.

4. Leitungswasser ist oft „Mineralwasser aus dem Hahn“

In Deutschland ist die Qualität des Leitungswassers extrem hoch. Da es oft aus denselben Tiefenwasserspeichern gepumpt wird wie Mineralwasser, ist es chemisch gesehen oft identisch. Viele Städte veröffentlichen regelmäßig Analysen, die zeigen, dass ihr Leitungswasser Werte erreicht, die teure Markenwässer im Supermarkt sogar übertreffen.

5. Das Etikett „Natürlich“ vs. „Behandelt“

Der Hauptunterschied zwischen den beiden Wasserarten liegt heute weniger im Mineralstoffgehalt als vielmehr in der Behandlung:

  • Mineralwasser darf kaum behandelt werden (nur Eisen, Schwefel und Kohlensäure dürfen entzogen oder zugesetzt werden). Es muss direkt am Quellort abgefüllt werden.
  • Leitungswasser darf (und muss teilweise) aufbereitet werden, um Grenzwerte einzuhalten oder die Rohre zu schützen. Mineralien werden dabei aber meist nicht entfernt, außer das Wasser ist extrem hart und wird zentral enthärtet.

Fazit

Ob ein Wasser mineralstoffreich ist, hängt nicht vom Namen „Mineralwasser“ ab, sondern von der Quelle. Wer gezielt Mineralstoffe aufnehmen möchte, muss auf das Kleingedruckte auf dem Etikett schauen (Werte über 1.500 mg/l gelten als hoch mineralisiert) oder die Analysewerte seines lokalen Wasserversorgers prüfen. Oft stellt man dabei fest, dass man für die Mineralien nicht extra bezahlen und Kisten schleppen muss.

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