Wie wirkt sich die im Jahr 2020 eingeführte Belegausgabepflicht in Deutschland auf den jährlichen Gesamtverbrauch von Bonrollen aus?
Die Einführung der Belegausgabepflicht (umgangssprachlich „Bonpflicht“) zum 1. Januar 2020 im Rahmen des Kassengesetzes (KassenSichV) hat den jährlichen Verbrauch von Bonrollen in Deutschland signifikant erhöht, wenngleich eine genaue exakte Tonnen-Zahl statistisch schwer zu erfassen ist, da es keine zentrale Meldestelle für den Verkauf von Thermopapier gibt.
Hier sind die wichtigsten Auswirkungen und Schätzungen aufgeschlüsselt:
1. Schätzungen zum Mehrverbrauch
Vor der Einführung der Pflicht wurden Bons oft nur auf Wunsch oder bei höheren Beträgen gedruckt. Seit 2020 muss für jeden Geschäftsvorfall ein Beleg erstellt werden – auch für Kleinstbeträge beim Bäcker oder am Kiosk.
- Zusätzliche Bons: Schätzungen des Handelsverbands Deutschland (HDE) und von Umweltverbänden gingen zum Zeitpunkt der Einführung von zusätzlich ca. zwei Milliarden Bons pro Jahr aus.
- Papierlänge: Rechnet man mit einer durchschnittlichen Bon-Länge von 15 bis 20 cm, entspricht dies einer zusätzlichen Papierstrecke von etwa 300.000 bis 400.000 Kilometern – das reicht fast einmal bis zum Mond oder etwa zehnmal um die Erde.
- Gesamtvolumen: Experten schätzten das Gesamtvolumen in Deutschland nach der Einführung auf etwa 5 bis 6 Milliarden Bons jährlich.
2. Betroffene Branchen
Besonders stark stieg der Verbrauch in Branchen mit hoher Kundenfrequenz und kleinen Warenkörben:
- Bäckereien und Fleischereien: Hier wurden früher schätzungsweise über 90 % der Einkäufe ohne Papierbeleg abgewickelt.
- Kioske und Schnellimbisse: Auch hier führte die Pflicht zu einem sprunghaften Anstieg des Müllaufkommens direkt am Point of Sale.
3. Ökologische Auswirkungen und Materialwandel
Die Zunahme des Verbrauchs löste eine Debatte über die Umweltverträglichkeit aus:
- Thermopapier: Die meisten Bons bestehen aus Thermopapier. Früher enthielt dieses oft Bisphenol A (BPA), das seit 2020 EU-weit in Thermopapier verboten ist. Dennoch ist Thermopapier aufgrund der Beschichtung oft nicht im normalen Altpapier recycelbar (außer spezielle neue Papiere).
- „Blauer Bon“: Als Reaktion auf die Kritik setzen viele Händler (z. B. Rewe, Edeka, Lidl) verstärkt auf das bläuliche Thermopapier (z. B. Blue4est). Dieses ist ohne chemische Farbentwickler hergestellt, im Altpapier recycelbar und lichtbeständig.
4. Gegentrends: Der digitale Beleg
Das Gesetz schreibt vor, dass ein Beleg angeboten werden muss – es schreibt jedoch nicht zwingend Papier vor. Dies hat eine technologische Entwicklung beschleunigt:
- Digitale Bons: Viele Kassensysteme bieten nun QR-Codes an, die Kunden mit dem Smartphone scannen können. Der Bon wird dann als PDF generiert, ein Ausdruck entfällt.
- Akzeptanz: Inzwischen nutzen immer mehr Kunden diese Möglichkeit, oder große Einzelhändler hinterlegen den Bon direkt in der Kunden-App (z. B. Lidl Plus). Dies dämpft den Anstieg des Papierverbrauchs langfristig wieder etwas ab.
5. Das „Müll-Phänomen“
Ein interessanter Effekt der Belegausgabepflicht ist das sichtbare Müllaufkommen: Da viele Kunden den Bon zwar erhalten müssen, ihn aber nicht mitnehmen wollen, quellen die Abfalleimer in Kassennähe deutlich schneller über als vor 2020. Umfragen zeigten, dass ein Großteil der zwangsweise gedruckten Bons unmittelbar im Müll landet.
Fazit
Die Belegausgabepflicht hat zu einem sprunghaften Anstieg des Bonrollen-Verbrauchs um mehrere Milliarden Stück pro Jahr geführt. Während der Handel durch die Digitalisierung (E-Bons) versucht, gegenzusteuern, bleibt der reale Papierverbrauch insbesondere in kleineren Geschäften ohne komplexe IT-Infrastruktur dauerhaft höher als vor der Gesetzesänderung.