Gibt es mittlerweile digitale Alternativen zum physischen Kassenbon, die den Einsatz von Bonrollen komplett überflüssig machen könnten?
Ja, es gibt mittlerweile ausgereifte digitale Alternativen zum physischen Kassenbon. Technisch gesehen könnten diese die klassischen Thermo-Bonrollen bereits heute weitgehend ersetzen. Seit der Einführung der Belegausgabepflicht (2020) in Deutschland ist zwar jeder Händler verpflichtet, einen Beleg auszustellen, dieser muss jedoch nicht zwingend auf Papier gedruckt sein.
Hier ist ein Überblick über die aktuellen Lösungen und die Hürden, die einem kompletten Verzicht noch im Weg stehen:
1. Welche digitalen Alternativen gibt es?
- QR-Code-Scanning: Die am weitesten verbreitete Methode. Nach dem Bezahlvorgang wird auf einem Kundendisplay ein QR-Code angezeigt. Der Kunde scannt diesen mit seinem Smartphone und erhält den Bon als PDF oder Bilddatei im Browser – meist ganz ohne App-Zwang oder Registrierung.
- Händler-Apps & Kundenkarten: Große Ketten (wie Lidl, Rewe, Edeka oder Rossmann) bieten digitale Bons in ihren Apps an. Wenn die Kundenkarte gescannt wird, landet der Beleg automatisch im Nutzerprofil. Der Papierschnitt an der Kasse wird oft erst unterdrückt, wenn der Kunde dies in der App so eingestellt hat.
- Versand per E-Mail: Vor allem im Textilhandel oder bei Apple-Stores verbreitet. Der Bon wird direkt an die E-Mail-Adresse des Kunden gesendet.
- Bank-Integration (Smart Receipts): Es gibt Ansätze (z.B. durch Startups wie anybill oder epap), bei denen der Kassenbon direkt mit der Banktransaktion verknüpft wird. Wenn man mit Karte zahlt, erscheint der detaillierte Beleg direkt in der Banking-App.
2. Die Vorteile digitaler Bons
- Umweltschutz: Thermopapier ist oft mit Chemikalien (früher Bisphenol A, heute meist Alternativen) beschichtet und gehört in den Restmüll, nicht ins Altpapier. Digitale Bons sparen enorme Mengen dieses Sondermülls und CO2 in der Logistik.
- Haltbarkeit: Thermopapier verblasst mit der Zeit. Digitale Bons sind dauerhaft lesbar – wichtig für Garantieansprüche oder die Steuererklärung.
- Organisation: Apps ermöglichen das Kategorisieren und Durchsuchen von Belegen.
3. Warum sind Bonrollen noch nicht verschwunden?
Trotz der Technik gibt es Gründe, warum der "Zettel" noch dominiert:
- Die Belegausgabepflicht: Das Gesetz schreibt vor, dass dem Kunden ein Beleg angeboten werden muss. Viele Händler drucken ihn sicherheitshalber sofort aus, um den Prozess nicht durch die Frage "Wollen Sie einen digitalen Bon?" zu verzögern.
- Hardware-Kosten: Ältere Kassensysteme verfügen oft nicht über ein Kundendisplay, das QR-Codes anzeigen kann. Die Umrüstung kostet Geld.
- Datenschutz-Bedenken: Viele Kunden scheuen sich, ihre E-Mail-Adresse anzugeben oder QR-Codes zu scannen, weil sie Tracking befürchten.
- Gewohnheit: Besonders in Deutschland ist der physische Nachweis für viele Kunden (und für Betriebsprüfer) noch das Maß der Dinge.
- Internetverfügbarkeit: Für digitale Bons ist oft eine stabile Internetverbindung an der Kasse oder auf dem Smartphone des Kunden nötig. In manchen Supermärkten im Untergeschoss ist der Empfang schlecht.
4. Anbieter und Vorreiter
Es gibt spezialisierte Unternehmen, die diese Schnittstellen für Händler bereitstellen:
- anybill: Arbeitet mit vielen Kassensystemen zusammen, um Bons digital auszugeben oder in Banking-Apps zu integrieren.
- GreenBill: Bietet eine Hardware-Lösung an, die zwischen Kasse und Drucker geschaltet wird und den Bon digitalisiert.
- epap: Eine App, die sich auf das Sammeln und Verwalten digitaler Belege spezialisiert hat.
Fazit
Technisch könnten Bonrollen heute schon zu 90 % verschwinden. Die komplette Ablösung scheitert momentan eher an der Trägheit bei der Umstellung der Kassen-Infrastruktur und den Gewohnheiten der Konsumenten. Ein "stiller" Wandel findet jedoch bereits statt: Immer mehr Kassensysteme fragen aktiv nach, ob ein Druck gewünscht ist, nachdem der QR-Code generiert wurde.
Prognose: In den nächsten 5 bis 10 Jahren wird der gedruckte Kassenbon zur Ausnahme für Ausnahmefälle (z.B. auf expliziten Wunsch oder bei Systemausfall) werden.