Wie wirken Medikamente gegen Reiseübelkeit im Körper?
Um zu verstehen, wie Medikamente gegen Reiseübelkeit (Kinetose) wirken, muss man zunächst wissen, wie die Übelkeit überhaupt entsteht.
Hier ist eine Schritt-für-Schritt-Erklärung der Wirkungsweise im Körper:
1. Die Ursache: Das sensorische Chaos
Reiseübelkeit entsteht durch einen Konflikt der Sinne:
- Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr meldet Bewegung (z. B. das Schwanken eines Schiffes).
- Die Augen melden jedoch Stillstand (z. B. wenn man im Inneren der Kabine auf eine Wand starrt).
Das Gehirn kann diese widersprüchlichen Informationen nicht verarbeiten. Es interpretiert das Chaos als eine Vergiftung (Halluzination) und löst eine Schutzreaktion aus: Übelkeit und Erbrechen.
2. Die Botenstoffe: Histamin und Acetylcholin
Damit die Information „Mir ist schwindelig“ vom Gleichgewichtsorgan zum Brechzentrum im Gehirn gelangt, werden bestimmte Botenstoffe (Neurotransmitter) benötigt. Die wichtigsten sind:
- Histamin
- Acetylcholin
3. Die Wirkung der Medikamente
Es gibt zwei Hauptgruppen von Wirkstoffen, die an unterschiedlichen Stellen ansetzen:
A. Antihistaminika (H1-Blocker) – am häufigsten verwendet
- Wirkstoffe: z. B. Dimenhydrinat (bekannt als Vomex) oder Diphenhydramin.
- Wirkweise: Diese Medikamente besetzen die H1-Rezeptoren im Gehirn, an denen normalerweise das Histamin andocken würde. Sie blockieren also die "Andockstellen".
- Effekt: Der Reiz, der die Übelkeit auslöst, wird gestoppt, bevor er das Brechzentrum voll aktivieren kann.
- Nebenwirkung: Da Histamin im Gehirn auch für die Wachheit zuständig ist, machen diese Medikamente oft sehr müde.
B. Anticholinergika (Scopolamin)
- Wirkstoff: Scopolamin (oft als Pflaster hinter das Ohr geklebt).
- Wirkweise: Dieser Stoff blockiert die Rezeptoren für Acetylcholin. Er wirkt direkt auf die Übertragung der Signale vom Gleichgewichtsorgan zum Gehirn.
- Effekt: Das Gehirn wird gegenüber den Schwankungsreizen des Innenohrs „unempfindlicher“ gemacht. Es ist sehr effektiv bei starker See- oder Reisekrankheit.
C. Ingwer (Pflanzliche Alternative)
- Wirkweise: Ingwer wirkt nicht im Gehirn, sondern direkt im Magen. Die enthaltenen Gingerole und Shogaole binden an Serotonin-Rezeptoren im Magen-Darm-Trakt.
- Effekt: Sie beruhigen die Magenmuskulatur und dämpfen den Brechreiz lokal, ohne das zentrale Nervensystem zu beeinflussen (daher wird man davon nicht müde).
Zusammenfassung
Medikamente gegen Reiseübelkeit wirken wie eine „Kommunikationssperre“ im Kopf. Sie verhindern, dass die Alarm-Signale der verwirrten Sinnesorgane das Brechzentrum erreichen.
Wichtiger Hinweis: Die meisten chemischen Medikamente wirken am besten vorbeugend (ca. 30–60 Minuten vor der Fahrt), da sie die Rezeptoren besetzen müssen, bevor die große Welle an Botenstoffen durch die Bewegung ausgelöst wird. Ist die Übelkeit erst einmal voll ausgeprägt, arbeiten Magen und Darm langsamer, und Tabletten werden schlechter aufgenommen.