Warum wird die klebrige Konsistenz von Pumpernickel oft als unangenehm beim Kauen empfunden?
Die klebrige Konsistenz von Pumpernickel ist das Ergebnis eines sehr speziellen Herstellungsprozesses, der sich grundlegend von normalem Brot unterscheidet. Dass dies beim Kauen oft als unangenehm empfunden wird, hat sowohl chemisch-physikalische als auch sensorische Gründe.
Hier ist die Erklärung, warum Pumpernickel so klebrig ist und warum wir das oft negativ wahrnehmen:
1. Der Herstellungsprozess (Langes Backen bzw. Dämpfen)
Pumpernickel wird nicht klassisch gebacken, sondern eher über 16 bis 24 Stunden bei etwa 100 bis 120 °C in Dampfkammern „gegart“.
- Stärkeverkleisterung: Durch die lange Hitzeeinwirkung und die hohe Feuchtigkeit verkleistert die im Roggenschrot enthaltene Stärke vollständig.
- Dextrinbildung: Ein Teil der Stärke wird in kurzkettige Zucker (Dextrine) abgebaut. Dextrine sind chemisch eng mit Klebstoffen verwandt (man nutzt sie z. B. für Briefmarkengummi). Diese sorgen für die süßliche Note, aber eben auch für die extreme Haftfähigkeit.
2. Die Rolle der Pentosane (Schleimstoffe)
Roggen enthält im Gegensatz zu Weizen kaum Klebereiweiß (Gluten), das für eine elastische, lockere Struktur sorgt. Stattdessen enthält Roggen hohe Mengen an Pentosanen (Schleimstoffen).
- Diese Pentosane binden extrem viel Wasser und bilden ein viskoses Netzwerk.
- Beim langen Backvorgang des Pumpernickels entsteht so eine feuchte, schwere Masse, die keine stabile Porenstruktur (wie ein lockeres Weißbrot) aufweist, sondern eher einem festen Gel ähnelt.
3. Warum wird das als unangenehm empfunden?
Das Empfinden „unangenehm“ beim Kauen (in der Fachsprache oft als mangelnde „Shortness“ oder zu hohe „Adhäsion“ bezeichnet) hat folgende Ursachen:
- Haftung an den Zähnen und am Gaumen: Die im Speichel gelösten Dextrine und Pentosane wirken wie ein biologischer Kleber. Das Brot bleibt in den Kauflächen der Backenzähne hängen. Da wir beim Essen eine effiziente Zerkleinerung und einen schnellen Schluckvorgang anstreben, empfinden wir Materialien, die den Mund „verkleben“, als störend oder sogar mühsam.
- Fehlender Widerstand: Ein normales Brot bietet beim Kauen einen gewissen elastischen Widerstand (den „Biss“). Pumpernickel hingegen ist plastisch verformbar. Er gibt unter Druck nach und bildet sofort einen kompakten, klebrigen Klumpen (Bolus), der sich im Mund nur schwer wieder auflöst.
- Lange Verweildauer: Da der Speichel Zeit braucht, um die dichte Struktur zu durchdringen, verbleibt der Pumpernickel länger im Mund als andere Brotsorten. Wer eine schnelle Texturauflösung bevorzugt, empfindet dies als „zäh“ oder „pampig“.
4. Ein Qualitätsmerkmal?
Interessanterweise ist die Klebrigkeit bis zu einem gewissen Grad ein Zeichen für einen echten Pumpernickel. Industriell hergestellte Varianten, die mit Rübensirup gefärbt und kürzer gebacken wurden, sind oft trockener und weniger klebrig, erreichen aber nicht das komplexe Aroma des Originals.
Tipp gegen das klebrige Gefühl: Oft hilft es, Pumpernickel mit fetthaltigen Belägen (Butter, Frischkäse) oder sehr wasserhaltigem Gemüse (Gurken) zu kombinieren. Das Fett wirkt wie ein Schmiermittel, das verhindert, dass die Dextrine direkt an den Zähnen haften bleiben.