Warum leitet reiner Edelstahl Wärme schlechter als Kupfer oder Aluminium?

Bearbeiten
Löschen

Dass Edelstahl Wärme deutlich schlechter leitet als Kupfer oder Aluminium, liegt vor allem an seiner inneren Struktur auf atomarer Ebene. In Metallen wird Wärme (genau wie Elektrizität) primär durch zwei Mechanismen transportiert: durch freie Elektronen und durch Gitterschwingungen (Phononen).

Hier sind die Hauptgründe für die schlechte Wärmeleitfähigkeit von Edelstahl:

1. Die Natur einer Legierung (Mischung vs. Reinmetall)

Kupfer und Aluminium werden meist als reine Metalle (oder sehr reine Legierungen) verwendet. In einem reinen Metall sind alle Atome gleich groß und in einem sehr regelmäßigen Kristallgitter angeordnet. Die Elektronen können sich fast ungehindert durch dieses Gitter bewegen und so Energie (Wärme) schnell transportieren.

Edelstahl hingegen ist kein reines Element, sondern eine Legierung (eine Mischung). Er besteht hauptsächlich aus Eisen, enthält aber erhebliche Mengen an Chrom (meist 18 %) und Nickel (meist 8–10 %).

2. Streuung der Elektronen

Die unterschiedlichen Fremdatome (Chrom und Nickel) im Eisen-Gitter wirken wie Hindernisse. Da sie eine andere Größe und eine andere Ladungsverteilung als die Eisenatome haben, stören sie die Regelmäßigkeit des Kristallgitters.

  • Wenn die freien Elektronen versuchen, durch den Edelstahl zu fließen, stoßen sie ständig gegen diese „Unregelmäßigkeiten“.
  • Man nennt diesen Vorgang Streuung.
  • Durch die häufigen Zusammenstöße verlieren die Elektronen an Schwung bzw. können die Energie nicht effizient über weite Strecken transportieren.

3. Der Wiedemann-Franz-Gesetz-Zusammenhang

In der Physik gibt es einen engen Zusammenhang zwischen der elektrischen Leitfähigkeit und der thermischen Leitfähigkeit (Wiedemann-Franz-Gesetz). Da die Fremdatome im Edelstahl den Fluss der Elektronen behindern, ist Edelstahl nicht nur ein schlechter Wärmeleiter, sondern auch ein vergleichsweise schlechter elektrischer Leiter.

4. Gitterverzerrungen

Die verschiedenen Atome im Edelstahl führen zu lokalen Verzerrungen im Gitter. Auch die Wärmeleitung über Gitterschwingungen (Phononen) wird dadurch gebremst. In einem perfekten Kupfergitter breiten sich Schwingungen wie eine saubere Welle aus; im "unordentlichen" Edelstahlgitter werden diese Wellen ständig gebrochen und gestreut.

Vergleich der Werte (Wärmeleitfähigkeit in W/(m·K)):

  • Kupfer: ca. 350 – 400
  • Aluminium: ca. 200 – 235
  • Baustahl (unlegiert): ca. 40 – 50
  • Edelstahl (z.B. V2A): ca. 15

Zusammenfassend: Während Kupfer und Aluminium wie eine leere, glatte Autobahn für die Wärmeträger (Elektronen) sind, gleicht Edelstahl einer verstopften Baustelle mit vielen Schlaglöchern, die den Energiefluss massiv ausbremsen.

Interessanter Nebeneffekt: Genau diese Eigenschaft macht Edelstahl (neben seiner Korrosionsbeständigkeit) ideal für Kochtopfgriffe oder Gebäudekonstruktionen, bei denen man eben keine Wärmebrücken haben möchte. Für den Topfboden selbst kombiniert man Edelstahl daher oft mit einer Schicht aus Aluminium oder Kupfer („Sandwichboden“).