Warum greifen bestimmte Säuren in fruchtigen Kaugummi-Streifen den Zahnschmelz an?
Bestimmte Säuren in fruchtigen Kaugummi-Streifen greifen den Zahnschmelz vor allem durch einen Prozess an, den man Erosion nennt. Obwohl Kaugummikauen oft als gesund für die Zähne gilt (da es den Speichelfluss anregt), können die Geschmacksstoffe in fruchtigen Varianten das Gegenteil bewirken.
Hier sind die genauen chemischen und biologischen Gründe dafür:
1. Der pH-Wert und der kritische Punkt
Zahnschmelz besteht zu etwa 95 % aus Hydroxyapatit, einer sehr harten kristallinen Verbindung aus Calcium und Phosphat. Dieser Schmelz ist zwar extrem stabil, aber anfällig für Säuren.
- Ab einem pH-Wert von etwa 5,5 beginnt sich der Zahnschmelz aufzulösen (Demineralisierung).
- Fruchtige Kaugummis enthalten oft Säuren wie Zitronensäure (E330), Äpfelsäure (E296) oder Weinsäure, um den typisch sauren, frischen Fruchtgeschmack zu erzeugen.
- Diese Kaugummis können den pH-Wert im Mund kurzfristig auf Werte zwischen 3,0 und 4,0 senken – das ist deutlich im kritischen Bereich.
2. Der Prozess der Demineralisierung
Wenn die Säure mit der Zahnoberfläche in Kontakt kommt, reagieren die Wasserstoffionen der Säure mit den Phosphat- und Calciumionen des Zahnschmelzes.
- Die Säure „zieht“ die Mineralien förmlich aus der Gitterstruktur des Schmelzes heraus.
- Die Oberfläche wird dadurch weich, porös und verliert an Substanz.
3. Die Besonderheit der Zitronensäure (Chelatbildung)
Zitronensäure ist besonders aggressiv für die Zähne. Sie greift den Zahnschmelz auf zwei Wegen an:
- Direkte Säurewirkung: Durch den niedrigen pH-Wert (wie oben beschrieben).
- Chelatbildung: Zitronensäure hat die Eigenschaft, Calciumionen fest an sich zu binden. Das bedeutet, sie löst das Calcium nicht nur auf, sondern „fängt“ es ab, sodass es dem Zahnschmelz nicht mehr zur Remineralisierung zur Verfügung steht. Dies verstärkt den erosiven Effekt massiv.
4. Die Dauer der Einwirkung
Im Gegensatz zu einem Schluck Saft, der schnell geschluckt wird, verbleibt ein Kaugummi oft 15 bis 30 Minuten oder länger im Mund.
- Während der ersten Minuten werden die meisten Geschmacks- und Säurestoffe freigesetzt.
- Da der Kaugummi ständig gegen die Zähne gedrückt und bewegt wird, wird die Säure intensiv auf die Zahnoberflächen verteilt und regelrecht „eingearbeitet“.
5. Das Versagen der Pufferkapazität des Speichels
Normalerweise schützt Speichel die Zähne, indem er Säuren neutralisiert (Pufferfunktion) und Mineralien (Calcium/Phosphat) zurückliefert. Bei sehr sauren Kaugummis ist die Säurekonzentration jedoch anfangs so hoch, dass der Speichel nicht schnell genug gegensteuern kann. Der Schutzmechanismus wird quasi überrannt.
Das Paradoxon: Zuckerfrei bedeutet nicht zahnfreundlich
Viele Verbraucher denken, dass „zuckerfreie“ Kaugummis automatisch sicher sind. Das stimmt in Bezug auf Karies (da Bakterien keinen Zucker zum Verarbeiten haben), aber nicht in Bezug auf Erosion. Die enthaltenen Fruchtsäuren schädigen den Zahn direkt, ohne dass Bakterien daran beteiligt sein müssen.
Zusammenfassend: Die Säuren lösen die schützenden Mineralien aus dem Zahnschmelz. Wenn man direkt nach dem Kauen eines solchen Kaugummis die Zähne putzt, kann man den aufgeweichten Schmelz sogar mechanisch wegputzen, was den Schaden noch vergrößert.
Tipp: Wenn es ein fruchtiger Kaugummi sein muss, sollte man danach den Mund mit Wasser ausspülen oder nach einer Weile auf einen klassischen Minzkaugummi umsteigen, der meist keine Säuren enthält.