Warum führt alte Bremsflüssigkeit zu Korrosion an den Bremsleitungen und Radzylindern?
Das Hauptproblem bei alter Bremsflüssigkeit ist ihre Hygroskopie. Das bedeutet, dass sie die Eigenschaft besitzt, aktiv Feuchtigkeit (Wasser) aus der Umgebungsluft anzuziehen und zu binden.
Hier ist der schrittweise Prozess, wie dies zu Korrosion führt:
1. Aufnahme von Feuchtigkeit (Hygroskopie)
Obwohl das Bremssystem ein geschlossenes System ist, ist es nicht vollkommen hermetisch dicht. Feuchtigkeit dringt über die Belüftungsöffnung des Ausgleichsbehälters oder durch mikroskopisch kleine Poren in den Bremsschläuchen (Diffusion) in das System ein. Bremsflüssigkeiten auf Glykolbasis (DOT 3, DOT 4, DOT 5.1) mischen sich mit diesem Wasser.
2. Abbau der Korrosionsinhibitoren
Frische Bremsflüssigkeit enthält spezielle chemische Zusätze, sogenannte Inhibitoren. Diese haben die Aufgabe, die Metalloberflächen im System (Stahlleitungen, Kolben, Zylinder) vor Oxidation zu schützen und Säuren zu neutralisieren. Mit der Zeit verbrauchen sich diese Additive jedoch – einerseits durch thermische Belastung (das ständige Erhitzen und Abkühlen beim Bremsen) und andererseits durch die chemische Reaktion mit dem eingedrungenen Wasser.
3. Elektrolytbildung und elektrochemische Korrosion
Sobald der Wasseranteil steigt und die Schutzstoffe abgebaut sind, wird die Bremsflüssigkeit zu einem Elektrolyten.
- Oxidation: Das Wasser reagiert direkt mit den Metallteilen (Eisen in den Leitungen und Zylindern). Es entsteht Eisenoxid (Rost).
- Galvanische Korrosion: Da im Bremssystem oft verschiedene Metalle aufeinandertreffen (z. B. Stahlleitungen, Aluminium-Bremssättel, Kolben aus unterschiedlichen Legierungen), begünstigt die wasserhaltige Flüssigkeit den Stromfluss zwischen diesen Metallen. Das unedlere Metall wird dabei zersetzt.
4. Die Folgen der Korrosion
- Lochfraß: An den Innenwänden der Bremsleitungen und Radzylinder entstehen winzige Krater (Lochfraß). Dies schwächt das Material und kann im schlimmsten Fall zum Platzen der Leitung unter hohem Druck führen.
- Undichtigkeit: Rost an den Laufflächen der Radbremszylinder oder Bremssättel führt dazu, dass die Gummidichtungen nicht mehr sauber abschließen. Bremsflüssigkeit tritt aus, oder Luft dringt ein.
- Festsitzende Kolben: Die Korrosionsprodukte (Rostschlamm) sind fest und rau. Sie führen dazu, dass die Bremskolben schwergängig werden oder ganz festfressen. Die Bremse löst sich nicht mehr richtig oder baut keinen Druck mehr auf.
Zusammenfassung
Alte Bremsflüssigkeit korrodiert das System von innen nach außen. Während man Rost an den Leitungen von außen oft sieht, bleibt die innere Korrosion lange unbemerkt, bis ein Bauteil versagt.
Zusätzlicher Gefahrenaspekt: Neben der Korrosion sinkt durch das Wasser auch der Siedepunkt der Flüssigkeit. Bei starker Belastung bilden sich Dampfblasen, die sich komprimieren lassen – man tritt ins Leere (Bremsversagen).
Deshalb empfehlen Hersteller, die Bremsflüssigkeit alle 2 Jahre (unabhängig von der Fahrleistung) zu wechseln.