Warum benötigt reines Roggenbrot zwingend Sauerteig, um überhaupt backfähig zu sein?

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Dass reines Roggenbrot (oder Brote mit einem Roggenanteil von über 20–30 %) zwingend Sauerteig benötigt, liegt an der besonderen chemischen Zusammensetzung des Roggenkorns. Im Gegensatz zu Weizen kann Roggen allein durch Hefe keine stabile Krume bilden.

Hier sind die drei entscheidenden Gründe:

1. Das Enzym-Problem (Amylasen)

Roggen besitzt von Natur aus sehr aktive Enzyme, die sogenannten Amylasen. Die Aufgabe dieser Enzyme ist es, die Stärke im Mehl in Zucker abzubauen, damit die Hefe Nahrung hat.

  • Ohne Säure: Beim Backen im Ofen werden die Amylasen durch die Wärme erst so richtig aktiv, bevor sie bei hohen Temperaturen schließlich absterben. In dieser Zeit würden sie beim Roggen fast die gesamte Stärke abbauen. Da Stärke beim Roggen aber das "Gerüst" des Brotes ist, würde das Brot beim Backen in sich zusammenfallen. Es bliebe innen matschig, klebrig und feucht (man nennt das im Fachjargon „klitschig“).
  • Mit Sauerteig: Die Säure (Milchsäure und Essigsäure) im Sauerteig senkt den pH-Wert des Teigs. In diesem sauren Milieu werden die Amylasen massiv gehemmt. Sie arbeiten langsamer und bauen nur so viel Stärke ab, wie nötig ist. Die restliche Stärke bleibt erhalten, kann verkleistern und bildet so eine stabile Krume.

2. Fehlendes Klebereiweiß (Gluten)

Bei Weizenbrot sorgt das Klebereiweiß (Gluten) für die Struktur. Es bildet ein elastisches Netz, das die Gärgase hält.

  • Roggen enthält zwar auch Proteine, kann aber kein stabiles Klebernetz ausbilden. Das liegt an den sogenannten Pentosanen (Schleimstoffe) im Roggen. Diese lagern sich zwischen die Proteine und verhindern, dass sich ein elastisches Netz vernetzt.
  • Da der Roggen also kein "Gummiband-Gerüst" wie der Weizen hat, muss die Stärke die tragende Rolle übernehmen. Und wie oben erwähnt, kann die Stärke diesen Job nur übernehmen, wenn sie nicht von den Amylasen aufgefressen wird – wofür die Säure des Sauerteigs nötig ist.

3. Die Rolle der Pentosane (Schleimstoffe)

Roggen ist sehr reich an Pentosanen. Diese Schleimstoffe können das Vielfache ihres Eigengewichts an Wasser binden.

  • Damit diese Pentosane das Wasser während des Backens stabil halten und das Brot nicht "zerfließt", benötigen sie ebenfalls ein saures Milieu. Die Säure des Sauerteigs hilft, die Quellfähigkeit dieser Schleimstoffe optimal zu steuern.

Zusammenfassung

Ohne Sauerteig würde Roggenmehl beim Backen seine Struktur verlieren. Die Enzyme würden die Stärke in Zucker verwandeln, bevor sie fest werden kann. Das Ergebnis wäre kein Brot, sondern eine flache, klebrige Masse.

Der Sauerteig ist beim Roggen also nicht nur für den Geschmack da, sondern fungiert als chemischer „Backhilfsstoff“, der die Stärke vor der Selbstzerstörung schützt.

Hinweis: Bei Weizenbrot nutzt man Sauerteig primär für das Aroma und die Haltbarkeit, bei Roggenbrot ist er technisch überlebenswichtig.