Verleitet die Kennzeichnung „biologisch abbaubar“ dazu, das Geschirr achtlos in der Natur zu entsorgen?

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Ja, es gibt deutliche Hinweise darauf, dass die Kennzeichnung „biologisch abbaubar“ bei vielen Verbrauchern zu Fehlannahmen führt, die unachtsames Entsorgungsverhalten (Littering) begünstigen können.

Dieses Phänomen lässt sich auf verschiedene psychologische und technische Faktoren zurückführen:

1. Das psychologische Missverständnis (Licensing Effect)

Viele Menschen assoziieren mit dem Begriff „biologisch abbaubar“ das Bild, dass sich das Produkt in der Natur innerhalb kürzester Zeit – ähnlich wie ein Apfelgriebsch oder ein Blatt – auflöst. Dies kann zu einer Art „moralischer Rechtfertigung“ führen: Man hat kein schlechtes Gewissen, das Geschirr im Wald oder am Strand liegen zu lassen, da man glaubt, man hinterlasse keinen bleibenden Müll.

2. Die Verwechslung von „industriell kompostierbar“ und „naturverträglich“

Dies ist das größte Problem:

  • Industrielle Kompostierbarkeit: Die meisten biologisch abbaubaren Kunststoffe (wie PLA) sind nach der Norm EN 13432 zertifiziert. Das bedeutet, dass sie sich nur unter kontrollierten Bedingungen (ca. 60 °C, hohe Feuchtigkeit, spezielle Mikroorganismen) in einer industriellen Anlage innerhalb weniger Wochen zersetzen.
  • In der freien Natur: In der Erde, im Wald oder im Meer fehlen diese Bedingungen. Dort kann es viele Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern, bis ein „biologisch abbaubarer“ Becher zerfällt. In dieser Zeit stellt er dieselbe Gefahr für Tiere dar (Verschlucken, Verfangen) wie herkömmliches Plastik.

3. Optische Täuschung und Nachahmungseffekte

Wenn biologisch abbaubares Geschirr in der Natur liegt, ist es optisch oft nicht von herkömmlichem Plastik zu unterscheiden. Das führt zu zwei Problemen:

  • Nachahmung: Andere Menschen sehen den Müll und denken, dass Littering an diesem Ort akzeptabel ist.
  • Verschmutzung der Stoffkreisläufe: Wenn Menschen denken, das Material sei „bio“, werfen sie es oft in die Biotonne. Viele Kompostieranlagen sortieren diese Stoffe jedoch mühsam aus, weil sie nicht schnell genug verrotten oder nicht von herkömmlichem Plastik unterschieden werden können.

4. Das Problem des „Greenwashing“

Umweltverbände kritisieren, dass die Kennzeichnung oft als Marketinginstrument genutzt wird, um Einwegprodukten ein „grünes Image“ zu verleihen. Dies wiegt den Verbraucher in falscher Sicherheit und lenkt vom eigentlichen Ziel – der Vermeidung von Einwegmüll und der Nutzung von Mehrwegsystemen – ab.

Studienlage

Untersuchungen, unter anderem der Universität Plymouth, haben gezeigt, dass als „biologisch abbaubar“ deklarierte Plastiktüten nach drei Jahren im Boden oder im Meer immer noch so stabil waren, dass man Einkäufe darin tragen konnte. Solche Ergebnisse verdeutlichen die Kluft zwischen dem Werbeversprechen und der Realität in der Umwelt.

Fazit

Die Kennzeichnung „biologisch abbaubar“ verleitet tatsächlich dazu, das Geschirr weniger sorgfältig zu entsorgen. Fachleute raten daher:

  • Auch biologisch abbaubares Geschirr gehört immer in den Restmüll (da es in der Biotonne meist aussortiert wird und in der Natur nicht schnell genug zerfällt).
  • Die beste Lösung ist Mehrweggeschirr.
  • Die Bezeichnung sollte nicht als Freifahrtschein für das Entsorgen in der Umwelt missverstanden werden.

Kurz gesagt: Ein biologisch abbaubarer Becher im Wald ist für die nächsten Jahre immer noch einfach nur Müll.

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