Welchen Einfluss haben montierte Schneeketten auf elektronische Assistenzsysteme wie ABS oder ESP?

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Montierte Schneeketten haben einen erheblichen Einfluss auf die Arbeitsweise elektronischer Assistenzsysteme, da sie die physikalischen Eigenschaften der Räder und den Kontakt zum Untergrund grundlegend verändern.

Hier sind die wichtigsten Auswirkungen auf die gängigsten Systeme:

1. ABS (Antiblockiersystem)

Das ABS soll verhindern, dass die Räder beim Bremsen blockieren, damit das Fahrzeug lenkbar bleibt.

  • Irritation der Sensoren: Die Glieder der Schneekette erzeugen beim Abrollen minimale Vibrationen und Drehzahlschwankungen. Die Raddrehzahlsensoren könnten diese als drohendes Blockieren interpretieren.
  • Veränderter Bremsweg: Auf tiefem Schnee ist es oft effizienter, wenn die Räder kurzzeitig blockieren, damit sich ein „Schneekeil“ vor dem Reifen bildet. Das ABS versucht jedoch, dies zu verhindern. Moderne Fahrzeuge haben oft einen speziellen „Snow“-Modus, der das ABS entsprechend anpasst.
  • Funktionalität: Grundsätzlich bleibt das ABS auch mit Ketten funktionsfähig, kann aber etwas „unruhig“ regeln.

2. ASR (Antriebsschlupfregelung / Traktionskontrolle)

Dies ist das System, das am stärksten von Schneeketten betroffen ist.

  • Das Problem: Schneeketten benötigen oft einen gewissen Schlupf (leichtes Durchdrehen der Räder), um sich in den Schnee oder das Eis „hineinzufressen“ und Vortrieb zu generieren.
  • Der Konflikt: Die ASR erkennt das Durchdrehen der Räder und greift sofort ein, indem sie die Motorleistung drosselt oder das Rad abbremst. Dies kann dazu führen, dass das Fahrzeug trotz Schneeketten am Berg stehen bleibt, weil die Elektronik dem Motor die Kraft nimmt.
  • Lösung: In den meisten Betriebsanleitungen wird empfohlen, die ASR (oder das ESP) beim Anfahren mit Schneeketten kurzzeitig auszuschalten oder in einen speziellen Traktionsmodus zu versetzen.

3. ESP (Elektronisches Stabilitätsprogramm)

Das ESP stabilisiert das Fahrzeug durch gezielte Bremseingriffe an einzelnen Rädern.

  • Geänderter Raddurchmesser: Schneeketten vergrößern den Abrollumfang des Reifens geringfügig. Da das ESP sehr präzise die Drehzahlen aller vier Räder vergleicht, kann es zu Fehlberechnungen kommen, wenn nur auf einer Achse Ketten montiert sind.
  • Verändertes Grip-Niveau: Das Auto hat mit Ketten auf einer Achse (meist vorne oder hinten) extrem viel Grip, während die andere Achse (ohne Ketten) seitlich wegbrechen kann. Das ESP muss hier Schwerstarbeit leisten, um das Ungleichgewicht auszugleichen.
  • Empfehlung: Während der Fahrt sollte das ESP aktiviert bleiben, aber man muss sich darauf einstellen, dass das System aufgrund der mechanischen Einflüsse der Ketten früher oder „härter“ eingreift.

4. Reifendruckkontrollsysteme (RDKS)

  • Indirekte Systeme: Diese messen den Abrollumfang über die ABS-Sensoren. Durch die Kette ändert sich der Umfang, was das System als Druckverlust interpretieren und eine Fehlermeldung auslösen kann.
  • Direkte Systeme: Sensoren in der Felge sind meist unbeeindruckt, solange die Kette nicht mechanisch gegen das Ventil schlägt.

Wichtige Praxistipps:

  1. Höchstgeschwindigkeit beachten: Mit Schneeketten darf man in Deutschland (und vielen anderen Ländern) maximal 50 km/h fahren. Elektronische Systeme sind bei dieser geringen Geschwindigkeit meist gut in der Lage, die Ketteneinflüsse zu verarbeiten.
  2. Betriebsanleitung lesen: Fast jeder Hersteller hat ein eigenes Kapitel zum Thema „Fahren mit Schneeketten“. Dort steht genau, ob und welche Systeme deaktiviert werden sollten.
  3. Kettenspannung prüfen: Eine lose Kette schlägt gegen den Radkasten und kann die Sensorkabel des ABS/ESP beschädigen. Nach ca. 50–100 Metern Fahrt immer die Spannung kontrollieren.
  4. Nur paarweise montieren: Ketten müssen immer paarweise auf den Rädern der Antriebsachse montiert werden (bei Allradantrieb gibt die Betriebsanleitung vor, welche Achse bevorzugt wird).

Zusammenfassend: Während das ABS meist problemlos weiterläuft, behindert die Traktionskontrolle (ASR) oft das Anfahren mit Ketten. Daher sollte man wissen, wie man diese Systeme manuell einschränkt, um die mechanische Kraft der Ketten voll nutzen zu können.