Welche historischen Gründe gibt es dafür, dass in vielen älteren britischen Häusern separate Wasserhähne für heißes und kaltes Wasser am Waschbecken existieren?
Dass man in britischen Badezimmern oft vor zwei separaten Wasserhähnen steht – einer kochend heiß, der andere eiskalt –, wirkt auf Besucher oft unpraktisch. Dieses Phänomen hat jedoch handfeste historische, technische und rechtliche Gründe.
Hier sind die wichtigsten Ursachen:
1. Unterschiedliche Herkunft und Druckverhältnisse
In der Vergangenheit wurden britisches Kalt- und Warmwasser aus völlig unterschiedlichen Quellen gespeist:
- Kaltwasser: Kam direkt aus der öffentlichen Hauptleitung und stand unter hohem Druck. Es galt (und gilt) als Trinkwasserqualität.
- Warmwasser: Wurde in einem speziellen Vorratstank gespeichert, der sich meist auf dem Dachboden (Attic) befand. Von dort floss es per Schwerkraft zu einem Boiler und dann zum Waschbecken. Da es nur durch die Schwerkraft nach unten gedrückt wurde, war der Wasserdruck deutlich niedriger als beim Kaltwasser.
Hätte man beide Wasserarten in einer einfachen Mischbatterie zusammengeführt, hätte der hohe Druck des Kaltwassers das warme Wasser zurück in den Boiler oder den Tank gedrückt.
2. Strenge Hygienevorschriften und Gesundheitsschutz
Dies ist der wichtigste rechtliche Grund. In Großbritannien gab es lange Zeit ein Gesetz, das verbot, Wasser aus dem öffentlichen Netz (Kaltwasser) mit Wasser aus einem privaten Speichertank (Warmwasser) innerhalb der Armatur zu mischen.
Der Grund war die Kontaminationsgefahr: Die offenen Wassertanks auf den Dachböden waren oft nicht perfekt versiegelt. Es kam vor, dass Staub, Rost oder im schlimmsten Fall tote Insekten oder Nagetiere das Wasser im Tank verunreinigten. Da das Kaltwasser direkt mit dem Trinkwassernetz verbunden war, wollte man unter allen Umständen verhindern, dass durch einen Rückstau das potenziell verunreinigte warme Wasser in die saubere öffentliche Trinkwasserleitung gelangte.
3. Die historische Entwicklung der Installation
Viele britische Häuser stammen aus der viktorianischen oder edwardianischen Ära. Damals wurde das Kaltwassersystem zuerst installiert. Als später die Warmwasserbereitung durch Boiler modern wurde, fügte man das System einfach hinzu. Es war technisch einfacher und billiger, ein zweites Rohr und einen zweiten Hahn zu installieren, als das gesamte Rohrsystem auf eine Mischbatterie umzurüsten.
4. Tradition und Kosten
Großbritannien ist bekannt für seine Vorliebe für Traditionen. Da das System mit den zwei Hähnen jahrzehntelang der Standard war, wurden auch die Waschbecken mit zwei Löchern produziert. Wer heute ein altes Haus renoviert, müsste oft die gesamte Verrohrung ändern, um eine moderne Mischbatterie mit ordentlichem Druck zu installieren, was teuer und aufwendig ist.
Wie gehen Briten damit um?
Für Außenstehende ist es ein Rätsel, wie man sich dort die Hände wäscht, ohne sich entweder zu verbrennen oder zu erfrieren. Die traditionelle Methode ist:
- Den Stöpsel in das Waschbecken stecken.
- Wasser aus beiden Hähnen einlaufen lassen, bis die gewünschte Temperatur erreicht ist.
- Sich im Becken waschen (was aus hygienischer Sicht im Vergleich zum Waschen unter fließendem Wasser heute oft kritisch gesehen wird).
Fazit: In modernen britischen Neubauten finden sich heute fast überall Mischbatterien, da moderne Kombi-Thermen (Combi-Boiler) das Wasser bei Bedarf direkt erhitzen und beide Leitungen unter dem gleichen Druck stehen. Doch in den Millionen von Altbauten bleibt das "Zwei-Hähne-System" ein Relikt aus der Zeit der Schwerkraft-Wassertanks.