Welche gesundheitlichen Risiken bestehen durch Bisphenol A (BPA) in den Beschichtungen von Tomatendosen?
Bisphenol A (BPA) ist eine Chemikalie, die zur Herstellung von Polycarbonat-Kunststoffen und Epoxidharzen verwendet wird. Letztere dienen oft als Schutzschicht auf der Innenseite von Konservendosen, um zu verhindern, dass das Metall korrodiert und mit dem Lebensmittel reagiert.
Besonders bei Tomatendosen ist das Risiko eines Übergangs von BPA in das Lebensmittel erhöht, da die Säure der Tomaten die Beschichtung angreifen und das Herauslösen des Stoffes beschleunigen kann.
Hier sind die wesentlichen gesundheitlichen Risiken, die nach aktuellem wissenschaftlichem Stand mit BPA in Verbindung gebracht werden:
1. Hormonelle Wirkung (Endokriner Disruptor)
BPA ist strukturell dem weiblichen Sexualhormon Östrogen sehr ähnlich. Es kann an Östrogenrezeptoren im Körper binden und so das Hormonsystem stören. Dies kann vielfältige Folgen haben:
- Fruchtbarkeit: Es gibt Hinweise auf eine Beeinträchtigung der Spermienqualität bei Männern und Zyklusstörungen bei Frauen.
- Frühe Pubertät: BPA wird mit einem verfrühten Einsetzen der Pubertät bei Mädchen in Verbindung gebracht.
2. Risiken für die Entwicklung (Föten und Kinder)
Schwangere, Säuglinge und Kleinkinder gelten als besonders gefährdet, da sich ihre Organ- und Hormonsysteme noch im Aufbau befinden.
- Gehirnentwicklung: Studien deuten darauf hin, dass BPA die neurologische Entwicklung beeinflussen und zu Verhaltensauffälligkeiten (wie Hyperaktivität oder Aggression) führen kann.
- Immunsystem: Neuere Bewertungen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) weisen darauf hin, dass BPA das Immunsystem schwächen kann (z. B. Erhöhung des Risikos für allergische Entzündungen in der Lunge oder Autoimmunerkrankungen).
3. Stoffwechselerkrankungen
Es besteht ein wissenschaftlicher Verdacht, dass eine chronische Belastung mit BPA zur Entstehung von Stoffwechselproblemen beiträgt:
- Diabetes Typ 2: BPA kann die Insulinresistenz beeinflussen.
- Übergewicht: Es wird als „Obesogen“ diskutiert, also als Stoff, der die Bildung von Fettzellen fördern kann.
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Hohe BPA-Werte im Urin korrelieren in epidemiologischen Studien oft mit einem höheren Risiko für Bluthochdruck und Herzkrankheiten.
4. Krebsrisiko
Diskutiert wird auch ein Zusammenhang zwischen BPA und hormonabhängigen Krebsarten, insbesondere Brust- und Prostatakrebs. Die Beweislage beim Menschen ist hier jedoch noch nicht abschließend geklärt, Tierversuche geben jedoch Anlass zur Sorge.
Die aktuelle Einschätzung der EFSA (2023)
Ein wichtiger Wendepunkt trat im April 2023 ein: Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat die tolerierbare tägliche Aufnahmemenge (TDI) für BPA drastisch gesenkt – und zwar um das 20.000-Fache.
- Der neue Grenzwert ist so niedrig, dass laut EFSA die meisten Verbraucher (auch bei normalem Konsum von Konserven) diesen Wert überschreiten.
- Das bedeutet: Nach heutigem Kenntnisstand ist die gesundheitliche Gefährdung durch BPA in Lebensmitteln deutlich höher einzustufen als noch vor wenigen Jahren angenommen.
Was kann man tun, um das Risiko zu minimieren?
Da Tomaten aufgrund ihres Säuregehalts besonders viel BPA aus der Beschichtung ziehen, sind hier Alternativen sinnvoll:
- Glas statt Dose: Passierte oder gestückelte Tomaten gibt es fast überall in Glasflaschen oder Gläsern. Glas ist inert und gibt keine Hormone ab.
- Tetra Pak: Kartonverpackungen haben oft andere Beschichtungen, die häufig (aber nicht immer) BPA-frei sind.
- Achten auf „BPA-frei“ (BPA-NI): Manche Hersteller werben explizit mit BPA-freien Dosen („BPA non-intent“). Aber Vorsicht: Oft werden Ersatzstoffe wie Bisphenol S (BPS) oder F (BPF) verwendet, die ähnliche hormonelle Wirkungen haben könnten.
- Frische Tomaten: Die sicherste Methode ist die Verwendung von frischen Tomaten, auch wenn dies zeitaufwendiger ist.
Fazit: Das gesundheitliche Risiko durch BPA in Tomatendosen ist aufgrund der hormonellen Wirksamkeit und der neuen, strengeren Grenzwerte der EU-Behörden als relevant einzustufen. Ein bewusster Verzicht auf säurehaltige Lebensmittel aus beschichteten Dosen ist eine effektive Maßnahme zur Schadstoffreduktion im Alltag.