Warum reißt Raufasertapete beim Einweichen mit Wasser oder Tapetenlöser so leicht ein?
Das Einreißen von Raufasertapete im nassen Zustand hat physikalische und strukturelle Gründe. Es liegt an der Kombination aus der Beschaffenheit des Papiers, der Rolle der Holzspäne und der chemischen Wirkung des Wassers.
Hier sind die Hauptgründe im Detail:
1. Schwächung der Wasserstoffbrückenbindungen
Papier besteht primär aus Zellulosefasern. Im trockenen Zustand werden diese Fasern durch sogenannte Wasserstoffbrückenbindungen zusammengehalten. Diese Bindungen geben dem Papier seine Festigkeit. Sobald Wasser (oder Tapetenlöser) in das Papier eindringt, schieben sich die Wassermoleküle zwischen die Zellulosefasern. Sie lösen die bestehenden Brücken auf und bilden stattdessen Bindungen zum Wasser selbst. Dadurch verlieren die Fasern ihren Zusammenhalt, und die mechanische Stabilität der Tapete sinkt drastisch.
2. Die Rolle der Holzspäne (Strukturelle Inhomogenität)
Der entscheidende Unterschied zwischen normalem Papier und Raufaser sind die eingearbeiteten Holzspäne. Diese sorgen für zwei Probleme, wenn die Tapete nass ist:
- Sollbruchstellen: Die Holzspäne sind viel dicker als die Papierschicht. An den Stellen, an denen ein Span sitzt, ist die umgebende Papierschicht oft dünner oder wird durch die Kanten des Spans mechanisch beansprucht. Wenn das Papier durch das Wasser weich wird, wirken diese Späne wie kleine "Keile" oder Perforationen, an denen das Papier bei Zugbelastung zuerst reißt.
- Unterschiedliches Quellverhalten: Zellulosefasern im Papier und das massive Holz der Späne nehmen Wasser unterschiedlich schnell auf und dehnen sich unterschiedlich stark aus. Diese Spannungen innerhalb des Materials begünstigen Risse.
3. Erhöhtes Eigengewicht
Eine nasse Tapete ist deutlich schwerer als eine trockene, da sie große Mengen Wasser aufsaugt. Da gleichzeitig die Reißfestigkeit durch das Aufweichen der Fasern (siehe Punkt 1) sinkt, reicht oft schon das reine Eigengewicht der nassen Tapetenbahn aus, um sie beim Abziehen oder Verschieben zum Reißen zu bringen.
4. Wirkung des Tapetenlösers (Tenside)
Tapetenlöser enthält Tenside. Diese setzen die Oberflächenspannung des Wassers herab. Dadurch kann das Wasser viel schneller und tiefer in die kleinsten Poren des Papiers und auch in den darunterliegenden Kleister eindringen. Während normales Wasser oft oberflächlich abperlt oder langsam einzieht, sorgt der Tapetenlöser für eine "totale" Durchfeuchtung jeder einzelnen Faser – was die Tapete zwar leichter von der Wand löst, sie aber eben auch extrem mürbe macht.
5. Der alte Kleister
Oft wurde Raufaser über Jahrzehnte mehrfach überstrichen. Die Farbe bildet eine dichte Schicht, durch die das Wasser kaum durchkommt. Wenn man die Tapete dann einweicht (meist nachdem man sie mit einer Nagelwalze perforiert hat), dringt das Wasser punktuell ein. Der Kleister unter der Tapete quillt auf und verliert seine Klebkraft, während das Papier gleichzeitig instabil wird. Wenn man dann zieht, reißt das instabile Papier eher, als dass sich der großflächige Kleisterverbund gleichmäßig löst.
Zusammenfassung
Die Raufasertapete reißt deshalb so leicht, weil das Wasser die molekularen Bindungen des Papiers löst, während die Holzspäne als mechanische Schwachstellen fungieren. Das hohe Gewicht des Wassers tut sein Übriges, um die geschwächte Struktur zu überlasten.