Warum ist die Backfähigkeit von Vollkornmehl schlechter als die von hellem Auszugsmehl?
Die Backfähigkeit von Vollkornmehl unterscheidet sich von der des hellen Auszugsmehls (z. B. Type 405 oder 550) vor allem durch den Aufbau des Korns. Während helles Mehl fast nur aus dem Mehlkörper (Stärke und Eiweiß) besteht, enthält Vollkornmehl zusätzlich die Schalenteile (Kleie) und den Keimling.
Hier sind die Hauptgründe, warum Vollkornmehl schwieriger zu verarbeiten ist und weniger Volumen bildet:
1. Mechanische Zerstörung des Klebernetzes ("Messer-Effekt")
Der wichtigste Faktor beim Backen mit Weizen oder Dinkel ist das Gluten (Klebereiweiß). Es bildet beim Kneten ein elastisches Gerüst, das die Gärgase (CO2) festhält und das Brot aufgehen lässt.
- Problem: Die Schalenteile im Vollkornmehl sind hart und scharfkantig. Beim Kneten wirken sie wie kleine Messer, die die feinen Glutenstränge zerschneiden. Das stabilisierende Netzwerk wird dadurch instabil und kann das Gas nicht so gut halten. Das Brot bleibt flacher und fester.
2. Der Keimling und das Glutathion
Der Keimling des Getreidekorns enthält Fett und bestimmte Stoffe wie Glutathion.
- Problem: Glutathion wirkt als "Klebergift". Es schwächt die Schwefelbrücken im Glutennetzwerk, wodurch der Teig weich, fließend und weniger belastbar wird. In hellem Mehl ist der Keimling entfernt, weshalb dieser Effekt dort fehlt.
3. Höhere Wasseraufnahme und verzögertes Quellen
Die Schalenteile (Ballaststoffe) im Vollkornmehl nehmen viel mehr Wasser auf als die reine Stärke.
- Problem: Die Schalen brauchen Zeit, um das Wasser zu binden. Ein Vollkornteig wirkt anfangs oft zu feucht und später zu trocken. Wenn man dem Teig nicht genug Zeit gibt (Quellstück) oder nicht genug Wasser hinzufügt, wird das Gebäck trocken und bröselig. Da das Wasser von den Ballaststoffen "festgehalten" wird, steht es dem Gluten nicht optimal zur Ausbildung des Netzwerks zur Verfügung.
4. Höhere Enzymaktivität
In den Randschichten des Korns sitzen viele Enzyme.
- Problem: Diese Enzyme bauen Stärke und Eiweiß schneller ab. Das kann dazu führen, dass der Teig bei zu langer Führung "überreif" wird und in sich zusammenfällt (Abbau der Teigstruktur).
5. Gewicht der Schalenteile
Die Kleie ist schlichtweg schwerer als der feine Mehlstaub.
- Problem: Das Klebernetzwerk muss beim Aufgehen nicht nur elastisch sein, sondern auch ein höheres Eigengewicht nach oben drücken. Da das Netzwerk (wie in Punkt 1 beschrieben) gleichzeitig geschwächt ist, gelingt dies weniger effektiv.
Tipps für bessere Backergebnisse mit Vollkorn:
Um die schlechtere Backfähigkeit auszugleichen, nutzen Bäcker folgende Techniken:
- Quellstücke oder Verbrühte: Man weicht einen Teil des Vollkornmehls (oder die Schrotanteile) vorab in Wasser ein. So sind die Randschichten bereits gesättigt und weich, bevor der Hauptteig geknetet wird.
- Längere Teigruhe: Damit das Mehl vollständig hydratisieren kann.
- Mehr Wasser: Vollkornteige benötigen deutlich mehr Flüssigkeit als Weißmehlteige (ca. 10–20 % mehr).
- Säure (Sauerteig): Bei Roggenvollkorn ist Säure zwingend notwendig, um die Backfähigkeit überhaupt herzustellen (Enzymhemmung). Aber auch bei Weizenvollkorn verbessert Säure die Kleberstruktur und die Haltbarkeit.
- Feines Mahlen: Je feiner das Vollkornmehl gemahlen ist, desto weniger stark ist der "Messer-Effekt" der Schalen.