Warum ist der Mensch eines der wenigen Säugetiere, die Vitamin C nicht selbst im Körper herstellen können?

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Dass der Mensch Vitamin C (Askorbinsäure) nicht selbst herstellen kann, liegt an einem genetischen Defekt, der sich vor etwa 60 bis 63 Millionen Jahren bei unseren fernen Vorfahren ereignete.

Hier sind die wissenschaftlichen Hintergründe, warum das passierte und warum wir trotzdem überlebt haben:

1. Das fehlende Enzym (GULO)

Fast alle Säugetiere produzieren Vitamin C in der Leber oder in den Nieren, indem sie Glukose (Zucker) in Askorbinsäure umwandeln. Dafür ist eine Kette von vier enzymatischen Reaktionen nötig.

Dem Menschen (und allen Trockennasenprimaten wie Affen und Menschenaffen) fehlt das letzte Enzym in dieser Kette: die L-Gulonolacton-Oxidase (GULO). Das entsprechende Gen ist zwar in unserem Erbgut vorhanden, aber es ist durch Mutationen so stark beschädigt, dass es funktionsunfähig ist. Man nennt es daher ein Pseudogen.

2. Die evolutionäre Ursache: Überfluss macht faul

Warum hat die Evolution diesen Defekt nicht aussortiert? Die Antwort liegt in der Ernährung unserer Vorfahren:

  • Früchtelastige Nahrung: Die frühen Primaten lebten in tropischen Gebieten und ernährten sich hauptsächlich von Früchten und Blättern, die extrem reich an Vitamin C waren.
  • Kein Selektionsdruck: Da sie durch die Nahrung weit mehr Vitamin C aufnahmen, als sie für das Überleben brauchten, war die eigene Produktion im Körper nicht mehr überlebenswichtig. Individuen mit dem Gendefekt starben nicht, sondern vermehrten sich ganz normal.
  • Energieersparnis: Die körpereigene Herstellung von Vitamin C kostet Energie und erzeugt als Nebenprodukt Wasserstoffperoxid (oxidativen Stress). Es könnte also sogar ein kleiner Vorteil gewesen sein, diesen Prozess "abzuschalten", solange die Zufuhr von außen gesichert war.

3. Der Recycling-Trick des Menschen

Da wir Vitamin C nicht selbst herstellen können, hat unser Körper einen effizienten Mechanismus entwickelt, um mit geringeren Mengen auszukommen: Recycling. Menschliche rote Blutkörperchen sind in der Lage, oxidiertes Vitamin C (Dehydroaskorbinsäure) wieder in aktives Vitamin C umzuwandeln. Wir "recyceln" das Vitamin also im Körper, was viele andere Säugetiere in diesem Maße nicht tun.

4. Wer teilt dieses Schicksal?

Der Mensch ist nicht allein. Es gibt nur sehr wenige Tiere, die Vitamin C ebenfalls nicht selbst herstellen können:

  • Andere Primaten (Affen, Schimpansen, etc.)
  • Meerschweinchen
  • Einige Fledermausarten
  • Manche Vögel und Knochenfische

Das Risiko: Skorbut

Die Kehrseite dieser evolutionären Entwicklung wurde erst viel später offensichtlich: Sobald der Mensch seine natürliche, vitaminreiche Umgebung verließ oder sich einseitig ernährte (berühmt ist der Skorbut bei Seefahrern), wurde der Gendefekt lebensgefährlich. Ohne Vitamin C kann der Körper kein Kollagen bilden – das Bindegewebe zerfällt, Zähne fallen aus, Wunden heilen nicht mehr und man stirbt schließlich an inneren Blutungen.

Zusammenfassend: Wir können Vitamin C nicht selbst herstellen, weil unsere Vorfahren in den Tropen im "Vitamin-C-Überfluss" lebten und die Natur die eigentlich lebenswichtige Eigenproduktion durch eine Mutation einfach "eingestellt" hat.