Gibt es eine genetische Komponente, die darüber entscheidet, ob ein Mensch den Geschmack von Lakritz mag oder extrem ablehnt?

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Die kurze Antwort lautet: Ja, es gibt sehr wahrscheinlich eine genetische Komponente, auch wenn die Forschung hierzu noch nicht ganz so eindeutig ist wie beim berühmten „Koriander-Gen“.

Das Phänomen, dass Lakritz die Menschheit in zwei Lager spaltet (glühende Verehrer und absolute Verächter), hat mehrere biologische und genetische Ursachen:

1. Das Erbe der Bitterrezeptoren (TAS2R-Gene)

Lakritz enthält Glycyrrhizin (aus der Süßholzwurzel), aber auch andere Stoffe, die leicht bitter schmecken können. Menschen besitzen etwa 25 verschiedene Typen von Bitterrezeptoren.

  • TAS2R38: Dies ist das bekannteste Gen für die Geschmackswahrnehmung. Es entscheidet darüber, wie sensibel wir auf bestimmte Bitterstoffe reagieren. Menschen mit einer bestimmten Variante dieses Gens nehmen Bitterkeit viel intensiver wahr („Supertaster“). Für sie kann Lakritz eine unangenehme, scharfe oder medizinische Bitternote haben, während es für andere einfach nur süß und würzig schmeckt.

2. Die Geruchswahrnehmung (Anethol)

Der typische Geschmack von Lakritz stammt primär vom Anethol, das auch in Anis und Fenchel vorkommt. Geschmack ist zu einem großen Teil eigentlich Geruch (retronasales Riechen).

  • Unterschiede in den Geruchsrezeptor-Genen (OR-Gene) führen dazu, dass manche Menschen das Aroma von Anethol als angenehm und süßlich wahrnehmen, während es auf andere „chemisch“, „medizinisch“ oder sogar wie Putzmittel wirkt. Ähnlich wie beim Koriander (der für manche nach Seife schmeckt) liegt hier eine genetische Variation in der Nase vor.

3. Die Kombination mit Ammoniumchlorid (Salmiak)

Besonders im Norden ist „Erwachsenenlakritz“ beliebt, das Ammoniumchlorid enthält. Hier kommt ein weiterer Faktor ins Spiel: der Protonenkanal OTOP1, der für die Wahrnehmung von „sauer“ und auch für den metallisch-salzigen Geschmack von Ammonium zuständig ist. Wie empfindlich dieser Rezeptor reagiert, ist ebenfalls genetisch bedingt.

Vergleich mit Koriander

Während beim Koriander ein ganz spezielles Gen (OR6A2) identifiziert wurde, das für den Seifengeschmack verantwortlich ist, scheint die Abneigung gegen Lakritz eher ein Zusammenspiel aus mehreren Genen (Bittergeschmack + Geruchswahrnehmung) zu sein.

Der kulturelle Faktor („Nurture vs. Nature“)

Neben der Genetik spielt die Gewöhnung eine enorme Rolle. Lakritz ist ein „erworbenes Verlangen“ (acquired taste).

  • Wer in Norddeutschland, Skandinavien oder den Niederlanden aufwächst und schon als Kind Lakritz isst, dessen Gehirn lernt, die starken Reize positiv zu besetzen.
  • Wer erst als Erwachsener damit konfrontiert wird, dessen Gehirn stuft den intensiven, leicht bitteren und gleichzeitig extrem süßen Geschmack oft als Warnsignal („potenziell giftig“ oder „Medizin“) ein.

Fazit: Wenn Sie Lakritz hassen, liegt das wahrscheinlich an einer Kombination aus Ihren Bitterrezeptor-Genen und Ihren Geruchsrezeptoren, die das Aroma schlichtweg falsch (nämlich als unangenehm oder gefährlich) interpretieren. Sie können also wortwörtlich nichts dafür!