Fühlen sich Menschen aus Lateinamerika durch die alleinige Beanspruchung des Wortes „Amerikaner“ durch die USA ausgeschlossen?
Ja, viele Menschen in Lateinamerika empfinden die exklusive Verwendung des Wortes „Amerikaner“ (American) durch Bürger der USA als ausschließend, arrogant oder zumindest sprachlich ungenau. Dieses Thema ist ein klassischer Punkt für interkulturelle Missverständnisse und Debatten.
Hier sind die Hauptgründe für dieses Empfinden:
1. Das unterschiedliche Verständnis der Geografie
In der spanisch- und portugiesischsprachigen Welt (sowie in vielen anderen Regionen, etwa in Frankreich oder Italien) wird „Amerika“ (América) als ein einziger Kontinent betrachtet, der sich von Alaska bis Feuerland erstreckt.
- Lateinamerikanische Sicht: Jemand aus Chile, Kolumbien oder Mexiko ist genauso ein „Amerikaner“ wie jemand aus New York.
- US-Sicht: In der englischsprachigen Welt wird meist das Modell der sieben Kontinente gelehrt, bei dem „North America“ und „South America“ zwei getrennte Kontinente sind. „America“ wird dort oft schlicht als Kurzform für die United States of America verwendet.
2. Die sprachliche Differenzierung
Im Spanischen gibt es ein klares Wort für Menschen aus den USA: estadounidense (etwa: „Staatenbundler“ oder „US-Amerikaner“). Das Wort americano wird zwar auch im Alltag manchmal für US-Bürger verwendet, gilt aber in formelleren oder politisch bewussten Kontexten als unpräzise. Wenn US-Bürger sagen „I am American“, klingt das in den Ohren vieler Lateinamerikaner so, als würden sie den gesamten Kontinent für sich beanspruchen.
3. Historischer und politischer Kontext (Imperialismus)
Die Kritik an der Wortwahl ist oft mit einer Kritik an der Machtpolitik der USA verbunden.
- Viele Lateinamerikaner sehen in der exklusiven Beanspruchung des Namens eine Form von kulturellem Imperialismus. Es wird als Zeichen dafür gewertet, dass die USA sich selbst als das einzig relevante Land auf dem Doppelkontinent betrachten.
- Ein bekannter Spruch in Lateinamerika lautet: „Amerika ist ein Kontinent, kein Land.“
4. Das Gefühl der „Unsichtbarkeit“
Wenn das Wort „Amerikaner“ nur für US-Bürger reserviert ist, fühlen sich Menschen aus Argentinien, Peru oder Guatemala sprachlich unsichtbar gemacht. Es suggeriert, dass ihre Identität zweitrangig sei oder dass sie nicht zum „eigentlichen“ Amerika gehören.
5. Regionale Unterschiede in der Wahrnehmung
Nicht jeder Lateinamerikaner regt sich im Alltag darüber auf.
- In Mexiko oder der Karibik, wo der kulturelle Einfluss der USA sehr stark ist, wird der Begriff oft pragmatisch hingenommen.
- In Ländern mit starkem Nationalstolz oder einer Geschichte des Widerstands gegen US-Interventionen (wie Argentinien, Chile, Uruguay oder Venezuela) ist die Sensibilität für dieses Thema meist deutlich höher.
Wie reagieren Lateinamerikaner darauf?
Oft korrigieren sie ihr Gegenüber oder nutzen bewusst Begriffe wie:
- „Norteamericanos“: Wobei das streng genommen auch Kanadier und Mexikaner einschließt.
- „Estadounidenses“: Die präzise Bezeichnung.
- „Somos todos americanos“: (Wir sind alle Amerikaner), um auf die Gemeinsamkeit des Kontinents hinzuweisen.
Fazit: Die ausschließliche Nutzung des Begriffs durch die USA wird von vielen Lateinamerikanern als Zeichen mangelnden Respekts gegenüber den anderen Nationen des Kontinents wahrgenommen. In Deutschland wird diesem Umstand oft Rechnung getragen, indem man präziser von „US-Amerikanern“ spricht, anstatt nur von „Amerikanern“.