Erhöhen bestimmte Inhaltsstoffe in Multivitamin-Komplexen das Krebsrisiko für spezifische Personengruppen wie Raucher?

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Ja, die Wissenschaft hat tatsächlich Belege dafür gefunden, dass bestimmte Inhaltsstoffe in hochdosierten Nahrungsergänzungsmitteln das Krebsrisiko für spezifische Personengruppen nicht nur nicht senken, sondern sogar signifikant erhöhen können.

Besonders gut untersucht ist dies für Raucher und ehemalige Raucher. Hier sind die wichtigsten kritischen Inhaltsstoffe:

1. Beta-Carotin (Provitamin A) – Das größte Risiko für Raucher

Dies ist der am besten belegte Fall. In den 1990er Jahren wurden zwei große Studien (die ATBC-Studie und die CARET-Studie) durchgeführt, um zu prüfen, ob Beta-Carotin vor Lungenkrebs schützt. Die Ergebnisse waren schockierend:

  • Befund: Raucher, die hohe Dosen Beta-Carotin (20–30 mg pro Tag) einnahmen, hatten ein um 18 % bis 28 % höheres Risiko für Lungenkrebs als die Kontrollgruppe. Auch die Sterblichkeitsrate stieg an.
  • Warum? Man vermutet, dass Beta-Carotin in der stark oxidativen Umgebung einer Raucherlunge seine antioxidative Wirkung verliert und stattdessen pro-oxidativ wirkt. Es entstehen Abbauprodukte, die Zellschäden und die Krebsentstehung fördern können.
  • Empfehlung: Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) empfiehlt, dass Nahrungsergänzungsmittel nicht mehr als 2 mg Beta-Carotin pro Tag enthalten sollten. Raucher sollten auf isolierte Beta-Carotin-Präparate verzichten.

2. Vitamin B6 und B12 – Risiko für männliche Raucher

Neuere Studien (u. a. die VITAL-Studie von 2017) deuten darauf hin, dass auch hochdosierte B-Vitamine problematisch sein können:

  • Befund: Männer, die über 10 Jahre hinweg sehr hohe Dosen Vitamin B6 (über 20 mg/Tag) oder B12 (over 55 µg/Tag) einnahmen, hatten ein verdoppeltes Risiko für Lungenkrebs.
  • Verschärfung: Wenn diese Männer zusätzlich rauchten, stieg das Risiko für B6 auf das Dreifache und für B12 auf fast das Vierfache an.
  • Interessant: Bei Frauen wurde dieser Zusammenhang bisher nicht in diesem Maße beobachtet.

3. Vitamin E – Risiko für Prostatakrebs

Vitamin E wurde lange Zeit als Zellschutzmittel beworben. Die SELECT-Studie (2011) lieferte jedoch Warnsignale:

  • Befund: Männer, die hochdosiertes Vitamin E (400 IE/Tag) einnahmen, hatten ein um 17 % erhöhtes Risiko für Prostatakrebs.
  • Fazit: Eine unkritische Supplementierung hoher Dosen Vitamin E ohne ärztliche Indikation wird heute kritisch gesehen.

4. Folsäure (Vitamin B9) – Ein zweischneidiges Schwert

Folsäure ist essenziell für die Zellteilung. Das ist jedoch auch der Grund für ein potenzielles Risiko:

  • Befund: Während eine gute Folsäureversorgung vor der Entstehung von Krebs schützen kann, deuten Studien darauf hin, dass bereits vorhandene Krebsvorstufen (z. B. Polypen im Darm) durch sehr hohe Dosen Folsäure schneller wachsen könnten.
  • Empfehlung: Besonders ältere Menschen, die ein höheres Risiko für unentdeckte Krebsvorstufen haben, sollten bei sehr hochdosierten Präparaten vorsichtig sein.

Zusammenfassung und Empfehlungen

  1. Viel hilft nicht viel: Das Risiko geht fast immer von hochdosierten, isolierten Präparaten aus. Die Mengen an Vitaminen, die man über eine normale, ausgewogene Ernährung (Obst, Gemüse) aufnimmt, gelten als sicher und krebsvorbeugend.
  2. Raucher-Warnung: Raucher sollten Multivitaminpräparate meiden, die hohe Mengen an Beta-Carotin enthalten. Auf vielen Packungen steht mittlerweile sogar ein Warnhinweis: "Raucher sollten vor der Einnahme ihren Arzt konsultieren."
  3. Gezielte Supplementierung: Anstatt eines "Gießkannen-Prinzips" mit Multivitamin-Komplexen ist es besser, einen Mangel per Bluttest feststellen zu lassen und dann gezielt (z. B. Vitamin D oder Eisen) zu supplementieren.
  4. Qualität der Inhaltsstoffe: Viele billige Multivitamin-Komplexe enthalten synthetische Stoffe in Mengen, die weit über dem täglichen Bedarf liegen.

Wichtig: Wenn Sie Raucher sind oder waren, sollten Sie vor der Einnahme von Multivitaminpräparaten unbedingt die Inhaltsstoffe prüfen und im Idealfall mit einem Arzt sprechen.