Techniken zur Terminplanverkürzung in Primavera P6: Fast Tracking und Crashing erklärt
Hier ist ein ausführliches Tutorial zum Thema Terminplanverkürzung (Schedule Compression) in Primavera P6, speziell auf Deutsch aufbereitet.
In der Projektmanagement-Praxis kommt es häufig vor, dass der Fertigstellungstermin eines Projekts nach vorne verschoben werden muss oder Verzögerungen aufgeholt werden müssen. In Primavera P6 stehen uns hierfür zwei Haupttechniken zur Verfügung: Fast Tracking und Crashing.
Dieses Tutorial erklärt die Unterschiede, die Anwendung in der Software und worauf Sie achten müssen.
1. Was ist Schedule Compression?
Schedule Compression (Terminplanverkürzung) ist die Verkürzung der Projektdauer, ohne den Projektumfang (Scope) zu verändern. Das Ziel ist es, den kritischen Pfad zu verkürzen, um das Enddatum des Projekts vorzuziehen.
2. Fast Tracking (Parallelarbeit)
Was ist das?
Beim Fast Tracking werden Aktivitäten, die ursprünglich hintereinander geplant waren (sequenziell), nun ganz oder teilweise parallel ausgeführt.
- Voraussetzung: Die Aktivitäten müssen logisch so flexibel sein, dass sie sich überschneiden können.
- Kosten: In der Regel keine zusätzlichen direkten Kosten.
- Risiko: Erhöhtes Risiko für Nacharbeiten (Rework) und Kommunikationsfehler.
Umsetzung in Primavera P6:
Um Fast Tracking in P6 anzuwenden, müssen Sie die Anordnungsbeziehungen (Relationships) anpassen:
- Kritischen Pfad identifizieren: Drücken Sie
F9(Schedule) und stellen Sie sicher, dass die kritischen Aktivitäten (Total Float = 0) sichtbar sind. - Beziehungstyp ändern: Ändern Sie eine "Ende-zu-Anfang" (FS) Beziehung in eine "Anfang-zu-Anfang" (SS) Beziehung.
- Lags (Verzögerungen) nutzen: Fügen Sie einen negativen Lag (Lead) ein oder nutzen Sie einen positiven SS-Lag.
- Beispiel: Statt Aktivität B startet, wenn A fertig ist, startet B bereits 5 Tage nach Beginn von A.
- Neu berechnen: Drücken Sie erneut
F9, um die Auswirkung auf das Projektenddatum zu sehen.
3. Crashing (Beschleunigung durch Ressourceneinsatz)
Was ist das?
Beim Crashing werden zusätzliche Ressourcen (Personal, Maschinen, Überstunden) hinzugefügt, um die Dauer einer Aktivität auf dem kritischen Pfad zu verkürzen.
- Voraussetzung: Die Aktivität muss durch mehr Ressourcen beschleunigt werden können (nicht alles geht schneller, nur weil man mehr Leute einsetzt – siehe "Brook's Law").
- Kosten: Führt fast immer zu höheren Kosten.
- Risiko: Geringeres Risiko als Fast Tracking bezüglich der Logik, aber hohes Budgetrisiko.
Umsetzung in Primavera P6:
Um Crashing in P6 abzubilden, passen Sie die Ressourcenzuweisung oder die Dauer an:
- Aktivität auswählen: Wählen Sie eine Aktivität auf dem kritischen Pfad mit den geringsten Beschleunigungskosten pro Zeiteinheit.
- Ressourcen erhöhen:
- Gehen Sie zum Tab Resources.
- Erhöhen Sie die "Budgeted Units" oder fügen Sie eine weitere Ressource hinzu.
- Dauer anpassen:
- Stellen Sie sicher, dass der "Duration Type" auf Fixed Units/Time oder Fixed Units steht, damit P6 die Dauer (Duration) automatisch reduziert, wenn Sie die Einheiten pro Zeit erhöhen.
- Alternativ: Überschreiben Sie die "Original Duration" manuell, nachdem Sie die Kosten kalkuliert haben.
- Kostenkontrolle: Prüfen Sie im Tab Expenses oder über die Ressourcen-Spalten, wie stark die Gesamtkosten gestiegen sind.
4. Schritt-für-Schritt-Anleitung in Primavera P6
Schritt 1: Baseline setzen
Bevor Sie den Terminplan komprimieren, speichern Sie unbedingt eine Baseline (Project -> Maintain Baselines). So können Sie später vergleichen, wie viel Zeit Sie durch Ihre Maßnahmen gewonnen haben.
Schritt 2: Den kritischen Pfad analysieren
Nutzen Sie den Activity Network View oder die tabellarische Ansicht (Gantt Chart). Filtern Sie nach "Critical", denn nur die Verkürzung kritischer Aktivitäten verkürzt das Gesamtprojekt.
Schritt 3: Die "Low-Hanging Fruits" wählen
- Suchen Sie nach Aktivitäten mit langer Dauer auf dem kritischen Pfad.
- Prüfen Sie zuerst Fast Tracking (kostenneutral).
- Wenn Fast Tracking nicht möglich ist, wählen Sie Crashing für die Aktivitäten, die pro gewonnenem Tag am wenigsten kosten.
Schritt 4: Überprüfung auf neue kritische Pfade
Durch die Verkürzung des ursprünglichen kritischen Pfads können andere Pfade kritisch werden.
- Achtung: Kontrollieren Sie nach jeder Änderung mit
F9, ob sich der kritische Pfad verschoben hat.
5. Vergleich: Fast Tracking vs. Crashing
| Merkmal | Fast Tracking | Crashing |
|---|---|---|
| Kosten | Normalerweise gleichbleibend | Steigen an |
| Risiko | Hoch (Nacharbeit/Fehler) | Mittel (Budgetüberschreitung) |
| Logik | Ändert Beziehungen (Links) | Ändert Ressourcen/Dauer |
| Primäres Ziel | Zeit sparen ohne Budgeterhöhung | Zeit sparen um jeden Preis |
Fazit für die Praxis
In Primavera P6 ist die Terminplanverkürzung ein iterativer Prozess.
- Nutzen Sie Fast Tracking, wenn das Budget begrenzt ist, aber die Qualitätssicherung robust genug ist, um parallele Arbeiten zu koordinieren.
- Nutzen Sie Crashing, wenn der Fertigstellungstermin kritisch ist (z.B. hohe Pönalen/Vertragsstrafen drohen) und zusätzliche Mittel zur Verfügung stehen.
Pro-Tipp: Dokumentieren Sie alle Änderungen in den Activity Notebooks in P6, damit Sie später im Reporting begründen können, warum Logikänderungen vorgenommen oder Ressourcen erhöht wurden.