Wie entstand das erste Videospiel der Geschichte?
Die Antwort auf die Frage nach dem „ersten“ Videospiel ist gar nicht so einfach, da es darauf ankommt, wie man „Videospiel“ definiert. Es gab keinen einzelnen Moment, in dem ein Erfinder „Heureka!“ rief, sondern eher eine schrittweise Entwicklung in Forschungslaboren und Universitäten.
Hier sind die wichtigsten Meilensteine der Entstehung:
1. Die Vorläufer (1947–1952) – Reine Logik und Forschung
In den frühen Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg waren Computer riesige Maschinen, die ganze Räume füllten. Spiele waren damals keine Unterhaltung, sondern Testläufe für menschliche Logik oder die Rechenkraft der Maschinen.
- 1947: Das „Cathode-Ray Tube Amusement Device“: Thomas T. Goldsmith Jr. und Estle Ray Mann meldeten ein Patent für ein Gerät an, das Radar-Displays aus dem Krieg nutzte. Man musste einen Lichtpunkt (eine Rakete) auf Ziele steuern. Da es aber keine Computerchips oder Software nutzte, gilt es eher als analoges elektronisches Spielzeug.
- 1952: OXO (Tic-Tac-Toe): Alexander S. Douglas entwickelte an der Universität Cambridge eine digitale Version von Tic-Tac-Toe auf einem EDSAC-Computer. Es war Teil seiner Doktorarbeit über die Interaktion zwischen Mensch und Computer.
2. Der „echte“ Urvater: Tennis for Two (1958)
Die meisten Historiker bezeichnen Tennis for Two als das erste richtige Videospiel, das rein zur Unterhaltung entwickelt wurde.
- Der Erfinder: Der Physiker William Higinbotham.
- Der Ort: Das Brookhaven National Laboratory in New York.
- Die Idee: Higinbotham wollte den jährlichen „Tag der offenen Tür“ für Besucher spannender gestalten. Er fand die üblichen wissenschaftlichen Ausstellungen zu trocken.
- Die Technik: Er nutzte einen Oszilloskop (ein Messgerät zur Darstellung von elektrischen Spannungen) als Bildschirm. Ein kleiner Lichtpunkt stellte den Ball dar, eine Linie am unteren Rand den Boden und ein kleiner Strich in der Mitte das Netz.
- Das Gameplay: Es gab zwei klobige Controller mit einem Knopf und einem Drehregler. Man konnte den Winkel des Abschlags bestimmen und den Ball über das Netz schlagen.
Obwohl es eine Sensation bei den Besuchern war, baute Higinbotham das Gerät nach zwei Jahren wieder ab. Er hielt es für eine Spielerei und meldete nicht einmal ein Patent an – eine Entscheidung, die ihn später Milliarden an Tantiemen gekostet hätte.
3. Der Durchbruch an der Uni: Spacewar! (1962)
Während Tennis for Two ein Einzelstück blieb, beeinflusste Spacewar! die nächste Generation von Programmierern massiv.
- Die Entwickler: Eine Gruppe von Studenten am MIT, angeführt von Steve Russell.
- Die Technik: Sie nutzten den neuen PDP-1 Computer.
- Das Spiel: Zwei Raumschiffe (die „Nadel“ und der „Keil“) bekämpften sich in der Schwerelosigkeit, während in der Mitte ein Stern eine Gravitationskraft ausübte. Es war das erste Spiel, das auf verschiedenen Computern installiert werden konnte, und verbreitete sich in der frühen Hackerszene.
4. Die Geburtsstunde der Industrie (1971/72)
Bis hierhin waren Videospiele teure Experimente in Laboren. Die kommerzielle Entstehung geschah erst rund zehn Jahre später:
- Ralph Baer, ein deutsch-amerikanischer Ingenieur, entwickelte die Magnavox Odyssey (1972), die erste Spielkonsole für das heimische Wohnzimmer.
- Nolan Bushnell sah eine Demonstration von Baers Tischtennis-Spiel, war begeistert und gründete die Firma Atari. Er entwickelte Pong (1972) als Spielhallen-Automat. Pong wurde zum ersten Welterfolg und startete die Videospielindustrie, wie wir sie heute kennen.
Zusammenfassung
Das erste Videospiel entstand aus dem Wunsch, komplexe Technologie menschlicher und unterhaltsamer zu machen. Es begann als Experiment von Physikern und Informatikern, die mit Radarschirmen und Oszilloskopen spielten, bevor Visionäre wie Ralph Baer und Nolan Bushnell erkannten, dass die Menschen bereit waren, Geld für diese neue Art der Unterhaltung auszugeben.