Was passiert, wenn der Siedepunkt der Bremsflüssigkeit durch zu hohen Wasseranteil sinkt?
Wenn der Siedepunkt der Bremsflüssigkeit durch einen zu hohen Wasseranteil sinkt, besteht die Gefahr eines totalen Bremsversagens.
Hier ist die schrittweise Erklärung, was physikalisch und mechanisch im Bremssystem passiert:
1. Das Problem: Hygroskopie
Bremsflüssigkeit ist "hygroskopisch". Das bedeutet, sie zieht Wasser an (z. B. durch mikroskopisch kleine Undichtigkeiten in den Bremsschläuchen oder über die Belüftung des Ausgleichsbehälters). Je mehr Wasser in der Flüssigkeit gelöst ist, desto niedriger wird ihr Siedepunkt.
2. Die Hitzeentwicklung
Beim Bremsen entsteht durch die Reibung zwischen Bremsbelag und Bremsscheibe enorme Hitze. Diese Hitze überträgt sich auf den Bremssattel und damit direkt auf die Bremsflüssigkeit. Besonders bei langen Bergabfahrten oder starken Bremsmanövern aus hohen Geschwindigkeiten kann die Bremsflüssigkeit sehr heiß werden (weit über 100 °C).
3. Dampfblasenbildung (Der kritische Moment)
Wenn die Temperatur der Flüssigkeit den (durch das Wasser gesenkten) Siedepunkt übersteigt, passiert folgendes:
- Das Wasser in der Bremsflüssigkeit beginnt zu kochen und verdampft.
- Es entstehen Gasblasen (Wasserdampf) im Leitungssystem.
4. Das Versagen der Hydraulik
Das ist der gefährlichste Punkt. Die physikalischen Eigenschaften ändern sich dramatisch:
- Flüssigkeiten lassen sich nicht komprimieren (zusammendrücken). Deshalb wird die Kraft von deinem Fuß direkt auf die Bremskolben übertragen.
- Gase (die Dampfblasen) lassen sich jedoch sehr leicht komprimieren.
Die Folge: Wenn du nun das Bremspedal drückst, presst du lediglich die Dampfblasen zusammen. Die Kraft kommt nicht mehr bei den Bremsen an.
Die Symptome für den Fahrer:
- Das Pedal "fällt durch": Du trittst ins Leere oder bis zum Bodenblech, ohne dass das Fahrzeug nennenswert verzögert.
- Schwammiges Gefühl: Das Bremspedal fühlt sich weich an und hat keinen festen Druckpunkt mehr.
- Pumpen hilft eventuell kurzzeitig: Durch mehrmaliges schnelles Treten des Pedals kann man versuchen, genügend Druck aufzubauen, aber die Bremsleistung bleibt unzuverlässig und gefährlich.
Zusammenfassung der Gefahr:
Ein zu hoher Wasseranteil führt dazu, dass die Bremse genau dann versagt, wenn sie am meisten beansprucht wird (hohe Last/Hitze). Da dieser Prozess schleichend verläuft, merkt man im normalen Stadtverkehr oft nichts davon – bis es zu einer Extremsituation kommt.
Empfehlung: Bremsflüssigkeit sollte daher in der Regel alle zwei Jahre gewechselt werden, unabhängig von den gefahrenen Kilometern. In der Werkstatt kann der Wassergehalt mit einem Testgerät genau gemessen werden. Ab einem Wassergehalt von ca. 3 % wird es kritisch.