Warum wird in manchen U-Bahn-Stationen gezielt klassische Musik über die Lautsprecher abgespielt?

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Das Abspielen von klassischer Musik in U-Bahn-Stationen (und manchmal auch an Bahnhöfen oder öffentlichen Plätzen) ist eine gezielte Maßnahme, die meist mehrere psychologische und sicherheitsrelevante Ziele verfolgt.

Hier sind die Hauptgründe:

1. Verdrängung von „Problemgruppen“ (Abschreckung)

Dies ist oft der Hauptgrund. Studien und Erfahrungen von Verkehrsbetrieben haben gezeigt, dass klassische Musik auf bestimmte Personengruppen – insbesondere auf Jugendliche, die dort „abhängen“, oder auf die Drogenszene – oft abschreckend wirkt.

  • Der Effekt: Die Musik wird von diesen Gruppen oft als uncool, nervig oder sogar „psychologisch belastend“ empfunden. Sie empfinden den Ort dadurch nicht mehr als gemütlichen Treffpunkt und ziehen weiter.
  • Fachbegriff: Man spricht hierbei oft von einer Form des „Social Engineerings“ oder einer sanften Form der Verdrängung.

2. Deeskalation und Aggressionsabbau

Klassische Musik (besonders harmonische Stücke von Komponisten wie Mozart oder Bach) hat eine beruhigende Wirkung auf das menschliche Nervensystem.

  • Senkung des Stresslevels: In hektischen U-Bahn-Stationen sind Menschen oft gestresst. Die Musik soll den Herzschlag leicht senken und die allgemeine Stimmung heben.
  • Vandalismus-Prävention: Es gibt Hinweise darauf, dass in einer Umgebung, die durch „Hochkultur“ (wie klassische Musik) geprägt ist, die Hemmschwelle für Vandalismus, Graffitis oder aggressives Verhalten höher liegt.

3. Steigerung des subjektiven Sicherheitsgefühls

Bahnhöfe werden oft als „Angsträume“ wahrgenommen, besonders wenn sie dunkel oder leer sind.

  • Gefühl von Sauberkeit und Ordnung: Klassische Musik wird unterbewusst mit Ordnung, Wohlstand und Seriosität assoziiert. Fahrgäste fühlen sich in einer so beschallten Station oft sicherer, da die Atmosphäre „gepflegter“ wirkt.
  • Belebung des Raumes: Die Musik füllt die akustische Leere und nimmt dem Ort das Unwirtliche.

4. Maskierung von Störgeräuschen

U-Bahn-Stationen sind oft laut (quietschende Schienen, dröhnende Lüftungen, hohle Echos). Klassische Musik kann diese unangenehmen Frequenzen überlagern und eine angenehmere akustische Kulisse schaffen.

Woher kommt das Konzept?

Pionier war unter anderem die Londoner U-Bahn (London Underground), die bereits in den frühen 2000er Jahren an Stationen wie Elm Park klassische Musik einführte. Die Ergebnisse waren verblüffend: Die Zahl der Überfälle, Vandalismusfälle und Angriffe auf Personal sank innerhalb weniger Jahre drastisch.

In Deutschland setzen beispielsweise die Verkehrsbetriebe in Berlin (BVG), Hamburg (HHA) oder München solche Konzepte zeitweise oder dauerhaft an Brennpunkten ein.

Kritik an dieser Methode

Es gibt jedoch auch Kritik:

  • Verdrängung statt Lösung: Kritiker bemängeln, dass soziale Probleme (wie Obdachlosigkeit oder Drogenkonsum) dadurch nicht gelöst, sondern nur in die Nebenstraßen verlagert werden.
  • „Akustische Umweltverschmutzung“: Manche Fahrgäste fühlen sich durch die dauerhafte Beschallung zwangsbeglückt oder genervt.