Warum wird der hohe Verarbeitungsgrad von Margarine gegenüber Butter oft kritisiert?
Die Kritik am hohen Verarbeitungsgrad von Margarine im Vergleich zu Butter stützt sich auf verschiedene gesundheitliche, ökologische und philosophische Aspekte. Während Butter als ein weitgehend naturbelassenes Produkt gilt, ist Margarine das Ergebnis eines komplexen industriellen Prozesses.
Hier sind die Hauptgründe für die Kritik im Detail:
1. Industrielle Gewinnung und Raffination
Butter wird durch ein mechanisches Verfahren (Schlagen von Sahne) gewonnen. Margarine hingegen basiert auf Pflanzenölen, die oft chemisch-physikalisch extrahiert werden müssen:
- Lösungsmittel: Um Öl aus Saaten (wie Raps oder Sonnenblumen) zu gewinnen, werden oft chemische Lösungsmittel wie Hexan verwendet.
- Raffination: Das Rohöl muss anschließend entschleimt, entsäuert, gebleicht und desodoriert (von Gerüchen befreit) werden. Dabei kommen hohe Temperaturen und Chemikalien zum Einsatz, was viele natürliche Begleitstoffe des Öls zerstört.
2. Die Härtung und Umesterung (Strukturveränderung)
Pflanzenöle sind bei Raumtemperatur flüssig. Um sie streichfähig zu machen, müssen sie fest werden.
- Trans-Fettsäuren: Früher wurde dies durch „Teilhärtung“ erreicht, wobei gesundheitsschädliche Trans-Fettsäuren entstanden. Obwohl moderne Verfahren den Anteil an Trans-Fetten stark reduziert haben, bleibt das Image des „künstlich gehärteten Fettes“ bestehen.
- Umesterung: Heute wird oft die sogenannte Umesterung genutzt. Dabei wird die molekulare Struktur der Fettsäuren im Labor verändert, um die Konsistenz zu steuern. Kritiker bemängeln, dass die langfristigen Auswirkungen dieser künstlich veränderten Fettstrukturen auf den Stoffwechsel noch nicht vollständig geklärt seien.
3. Einsatz von Zusatzstoffen
Da Margarine eine Emulsion aus Wasser und Fett ist, die von Natur aus nicht stabil bliebe und farblos wäre, werden zahlreiche Hilfsstoffe zugesetzt:
- Emulgatoren: (z. B. Lecithine oder Mono- und Diglyceride), um Wasser und Öl zu binden.
- Farbstoffe: Meist Beta-Carotin, damit die Margarine gelb wie Butter aussieht.
- Aromen: Damit sie nach Butter schmeckt.
- Konservierungsstoffe und Säuerungsmittel: (z. B. Zitronensäure), um die Haltbarkeit zu verlängern.
- Synthetische Vitamine: Da natürliche Vitamine beim Raffinationsprozess verloren gehen, werden sie oft künstlich wieder zugesetzt (Vitaminsierung).
4. Das Verhältnis von Omega-6 zu Omega-3
Viele Margarinesorten basieren auf Sonnenblumenöl, das sehr reich an Omega-6-Fettsäuren ist. Ein Übermaß an Omega-6 im Verhältnis zu Omega-3 gilt als entzündungsfördernd. Butter hat zwar gesättigte Fette (die lange als ungesund galten, heute aber differenzierter betrachtet werden), enthält aber oft ein natürlicheres Fettsäuremuster, besonders wenn sie von Weiderindern stammt.
5. Ökologische Kritik: Palmöl
Um eine feste Konsistenz ohne chemische Härtung zu erreichen, setzen viele Hersteller Palmöl oder Kokosfett ein. Vor allem der Anbau von Palmöl steht wegen der Zerstörung von Regenwäldern massiv in der Kritik. Butter ist zwar als Tierprodukt ebenfalls ressourcenintensiv, wird aber oft als regionaleres Produkt wahrgenommen.
6. "Clean Labeling" und Natürlichkeit
In der modernen Ernährung gibt es einen Trend hin zu „Clean Eating“. Lebensmittel sollen so wenig wie möglich verarbeitet sein.
- Butter besteht aus nur einer Zutat: Rahm (und evtl. Salz).
- Margarine hat oft eine lange Zutatenliste mit Begriffen, die eher nach Chemielabor als nach Küche klingen.
Zusammenfassung
Die Kritik richtet sich also primär gegen den „Ultra-Processing“-Charakter der Margarine. Während die Wissenschaft heute sagt, dass Margarine (wegen der ungesättigten Fettsäuren) für das Herz-Kreislauf-System oft besser sein kann als die gesättigten Fette der Butter, bevorzugen Kritiker die Butter, weil sie ein „echtes“, unverfälschtes Lebensmittel ohne chemische Rückstände und künstliche Strukturveränderungen ist.