Warum verträgt sich die Grundierung chemisch nicht mit dem anschließend aufgetragenen Decklack?
Wenn sich eine Grundierung und ein Decklack chemisch nicht vertragen, führt das meist zu sichtbaren Defekten wie Blasenbildung, Runzeln („Hochziehen“), Rissen oder mangelnder Haftung.
Hier sind die chemischen und physikalischen Hauptgründe für diese Unverträglichkeit:
1. Lösemittel-Unverträglichkeit (Der „Lösemittelschock“)
Dies ist die häufigste Ursache. Wenn das Lösemittel im Decklack „schärfer“ (aggressiver) ist als das der Grundierung, passiert Folgendes:
- Anlösen: Das Lösemittel des Decklacks dringt in die bereits getrocknete Grundierschicht ein und löst diese wieder auf.
- Aufquellen: Die Grundierung quillt auf und verliert ihre Struktur. Da der Decklack gleichzeitig zu trocknen beginnt, entstehen Spannungen. Das Ergebnis ist das sogenannte „Hochziehen“ oder Runzelbildung (ähnlich wie eine faltige Haut).
- Beispiel: Ein aggressiver Nitro-Kombilack oder ein 2K-Lack wird auf eine herkömmliche Kunstharzgrundierung aufgetragen. Die starken Lösemittel (Ester, Ketone) im Decklack zerstören die schwächere Kunstharzschicht.
2. Unterschiedliche Bindemittelbasis
Lacke basieren auf verschiedenen Polymeren (z. B. Acryl, Alkydharz, Epoxidharz, Polyurethan). Diese haben unterschiedliche chemische Eigenschaften:
- Polarität: Damit Schichten aneinander haften, müssen die Oberflächenspannungen und die Polaritäten der Bindemittel zueinander passen. Ein sehr unpolarer Lack haftet schlecht auf einer polaren Grundierung.
- Chemische Bindung: Manche Lacke benötigen eine chemische Reaktion mit der Unterlage (Vernetzung). Wenn die Grundierung keine passenden „Andockstellen“ (funktionelle Gruppen) bietet, bleibt die Haftung rein mechanisch und ist oft schwach.
3. Differenzen im Trocknungsverhalten und der Elastizität
Lackschichten müssen in ihrem mechanischen Verhalten aufeinander abgestimmt sein.
- „Hart auf Weich“: Es ist eine Grundregel der Lackierung, dass die Schichten nach oben hin nicht wesentlich härter oder spröder werden dürfen als die Schichten darunter. Wenn ein sehr harter, spröder Decklack auf eine weiche, elastische Grundierung aufgetragen wird, bekommt der Decklack bei Temperaturschwankungen oder mechanischer Belastung Risse (Spannungsrisse), weil die Grundierung „arbeitet“ und der Decklack nicht mitgehen kann.
- Durchtrocknung: Wenn die Grundierung noch nicht vollständig vernetzt oder ausgedampft ist, können Gase (Lösemittelreste) nachträglich aufsteigen und im frischen Decklack Blasen bilden.
4. Diffusionsprobleme (Wanderung von Inhaltsstoffen)
Manchmal wandern Bestandteile der Grundierung in den Decklack oder umgekehrt:
- Weichmacherwanderung: Weichmacher aus einer Grundierung können in den Decklack wandern und diesen dauerhaft klebrig machen oder den Glanz zerstören.
- Durchbluten: Pigmente oder chemische Stoffe aus der Grundierung lösen sich im Decklack und verfärben diesen (häufig bei Absperrgründen zu beobachten, wenn diese nicht funktionieren).
5. Chemische Reaktionen an der Grenzfläche
In speziellen Fällen reagieren die Inhaltsstoffe direkt miteinander:
- pH-Wert-Unterschiede: Eine stark alkalische Grundierung (z. B. auf mineralischen Untergründen) kann die Esterbindungen in bestimmten Lacken (z. B. Öl- oder Alkydlacken) angreifen und sie „verseifen“. Der Lack wird dann schmierig und haftet nicht mehr.
- Härter-Migration: Bei 2-Komponenten-Systemen kann der Härter des Decklacks mit Resten in der Grundierung reagieren, was die Aushärtung verhindert.
Wie vermeidet man das?
- Systemtreue: Grundierung und Decklack vom selben Hersteller und aus derselben Produktlinie verwenden (das „System“ ist chemisch aufeinander abgestimmt).
- Verträglichkeitstest: An einer unauffälligen Stelle testen, ob der Decklack die Grundierung anlöst.
- Ablüftzeiten einhalten: Die Grundierung muss vollständig durchgetrocknet sein, bevor der Decklack folgt (außer bei speziellen Nass-in-Nass-Verfahren).
- Faustregel: „Schwach auf Stark“ ist oft unproblematisch (z. B. Wasserlack auf Epoxidharz), aber „Stark auf Schwach“ (z. B. Nitrolack auf Wasserlack/Kunstharz) führt fast immer zur Katastrophe.