Warum sollte Kriechöl nicht als dauerhafter Schmierstoff für Fahrradketten verwendet werden?
Kriechöl (wie z. B. das klassische WD-40 Vielzweckprodukt oder Caramba) ist ein hervorragendes Werkzeug, um festgerostete Schrauben zu lösen oder Wasser zu verdrängen. Als dauerhafter Schmierstoff für Fahrradketten ist es jedoch ungeeignet und kann die Lebensdauer der Kette sogar verkürzen.
Hier sind die Hauptgründe, warum Kriechöl nicht als Kettenschmiermittel verwendet werden sollte:
1. Es wäscht die lebenswichtige Werksfettung aus
Das ist das kritischste Problem. Eine neue Kette ist im Inneren der Rollen und Bolzen mit einem sehr zähen, hochwertigen Langzeitfett gefüllt. Kriechöle enthalten Lösungsmittel, die genau darauf ausgelegt sind, Fette und Öle zu unterwandern und aufzulösen.
- Die Folge: Das Kriechöl spült das schützende Innenfett aus den Zwischenräumen der Kettenglieder. Sobald das Kriechöl verflogen ist, bleibt das Innere der Kette trocken, was zu massiver Reibung und schnellem Verschleiß führt.
2. Zu geringe Viskosität (zu dünnflüssig)
Kriechöle sind extrem dünnflüssig, damit sie in kleinste Ritzen eindringen können. Ein guter Kettenschmierstoff muss jedoch eine gewisse Haftung und Druckbeständigkeit aufweisen.
- Die Folge: Durch die Zentrifugalkraft beim Treten wird das dünne Öl einfach von der Kette abgeschleudert. Zudem wird der Schmierfilm unter der hohen punktuellen Druckbelastung zwischen Bolzen und Rolle einfach weggedrückt – es entsteht Metall-zu-Metall-Kontakt.
3. Schnelle Verflüchtigung
Kriechöle bestehen zu einem großen Teil aus flüchtigen Bestandteilen (Lösungsmitteln).
- Die Folge: Der "Schmiereffekt" hält nur sehr kurz an (oft nur wenige Kilometer oder eine einzige Regenfahrt). Danach ist die Kette schutzlos der Witterung ausgesetzt und fängt schneller an zu rosten als eine Kette, die gar nicht behandelt wurde.
4. Anziehen von Schmutz (bei manchen Varianten)
Obwohl Kriechöl dünn ist, hinterlässt es oft einen klebrigen Film, der Staub und Sand magisch anzieht.
- Die Folge: Es bildet sich eine Art "Schmirgelpaste", die wie Schleifpapier an den Ritzeln, Kettenblättern und Schaltröllchen wirkt und den gesamten Antrieb vorzeitig ruiniert.
Wann ist Kriechöl trotzdem sinnvoll?
Kriechöl hat am Fahrrad durchaus seine Daseinsberechtigung, aber nicht zur Schmierung:
- Zur Reinigung: Um eine völlig verdreckte oder verrostete Kette grob zu säubern (danach muss es aber gründlich abgewischt und durch echtes Kettenöl ersetzt werden).
- Um Wasser zu verdrängen: Nach einer Wäsche, um Feuchtigkeit aus den Gliedern zu drücken (auch hier: danach richtig ölen).
- Für festsitzende Teile: Um einen schwergängigen Umwerfer oder festgerostete Schrauben wieder beweglich zu machen.
Was sollte man stattdessen nehmen?
Verwenden Sie spezielle Kettenöle (für Trocken- oder Nassbedingungen) oder Kettenwachs. Diese sind so formuliert, dass sie:
- In die Rollen eindringen, dort aber verbleiben.
- Hohem Druck standhalten.
- Nicht so leicht weggeschleudert oder abgewaschen werden.
Fazit: Kriechöl ist ein Lösemittel, kein Schmiermittel. Wer seine Kette mit WD-40 "ölt", reinigt sie zwar oberflächlich, entzieht ihr aber im Inneren die notwendige Schmierung.