Warum ist Dinkelmehl beim Backen von Brötchen empfindlicher als Weizenmehl?

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Dinkelmehl gilt in der Backstube oft als „Diva“ unter den Mehlen. Dass Dinkel beim Backen von Brötchen oder Brot empfindlicher reagiert als Weizen, liegt vor allem an der speziellen Zusammensetzung seiner Eiweißstrukturen (Gluten).

Hier sind die Hauptgründe für die Empfindlichkeit:

1. Das Verhältnis von Gliadin zu Glutenin

Das Klebereiweiß (Gluten) besteht aus zwei Hauptkomponenten:

  • Gliadin: Sorgt für die Dehnbarkeit des Teiges.
  • Glutenin: Sorgt für die Elastizität und Formstabilität (den „Stand“).

Dinkel enthält im Vergleich zu Weizen sehr viel Gliadin, aber wenig Glutenin. Das führt dazu, dass Dinkelteige zwar sehr dehnbar sind, ihnen aber das stabile Gerüst fehlt. Sie neigen dazu, „breitzulaufen“ anstatt in die Höhe zu gehen.

2. Hohe Knetempfindlichkeit (Überkneten)

Dies ist der kritischste Punkt. Während Weizenmehl ein robustes Klebernetzwerk hat, das langes Kneten verträgt, ist das Klebernetzwerk beim Dinkel sehr filigran.

  • Wird Dinkel zu lange oder zu intensiv (mit zu hoher Geschwindigkeit) geknetet, reißt das Klebergerüst irreparabel.
  • Der Teig wird dann plötzlich weich, klebrig und verliert jegliche Struktur. Er lässt sich nicht mehr retten.
  • Faustregel: Dinkel sollte man eher kurz und auf niedriger Stufe kneten („schonend mischen“ statt intensiv kneten).

3. Wasseraufnahme und Trockenbacken

Dinkel nimmt Wasser zwar schnell auf, kann es aber nicht so gut binden wie moderner Weizen.

  • Dinkelgebäck neigt dazu, schneller trocken zu werden (das sogenannte „Altbackenwerden“).
  • Gleichzeitig wirken Dinkelteige oft feucht und klebrig, obwohl das Gebäck nach dem Backen trocken sein kann. Um dies zu verhindern, arbeiten Profis oft mit Quellstücken oder Kochstücken, um mehr Wasser dauerhaft im Teig zu binden.

4. Enzymaktivität

Dinkel ist oft enzymreicher als Weizen. Das bedeutet, dass der Abbau von Stärke in Zucker schneller abläuft. Das beschleunigt zwar die Gärung, kann aber bei zu langen Stehzeiten dazu führen, dass der Teig instabil wird und das CO2 (die Backgase) nicht mehr halten kann. Die Brötchen fallen dann im Ofen zusammen.


Tipps für den Erfolg mit Dinkel:

  1. Kaltes Wasser verwenden: Damit der Teig beim Kneten nicht zu warm wird (Wärme schwächt das Klebergerüst zusätzlich).
  2. Säure zugeben: Ein Spritzer Zitronensaft, etwas Essig oder Vitamin C (Ascorbinsäure) festigt das Klebergerüst des Dinkels spürbar.
  3. Dehnen und Falten: Anstatt den Teig lange in der Maschine zu quälen, sollte man ihn lieber nur kurz mischen und dann über einen längeren Zeitraum mehrmals von Hand „dehnen und falten“. Das baut Struktur auf, ohne das Klebernetzwerk zu zerreißen.
  4. Salz-Hefe-Verfahren: Manche Bäcker nutzen dieses Verfahren, um die Eiweißstrukturen vorab zu stabilisieren.
  5. Dinkelmehl Type 630: Für Brötchen ist diese Type am besten geeignet, da sie die besten Backeigenschaften für feine Gebäcke besitzt.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Dinkel ist empfindlicher, weil sein „Skelett“ (Glutenin) schwächer ist als seine „Haut“ (Gliadin). Man muss ihn daher mit mehr Fingerspitzengefühl behandeln.