Warum ist der tatsächliche Roggenanteil in vielen als Bauernbrot verkauften Produkten oft niedriger als erwartet?

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Dass der Roggenanteil in „Bauernbrot“ oft niedriger ist, als der Name oder das rustikale Aussehen vermuten lassen, hat verschiedene Gründe. Diese reichen von lebensmittelrechtlichen Definitionen über backtechnische Herausforderungen bis hin zu veränderten Geschmacksvorlieben.

Hier sind die wichtigsten Gründe im Detail:

1. Fehlende gesetzliche Festlegung des Begriffs „Bauernbrot“

Der Begriff „Bauernbrot“ ist in Deutschland (und ähnlich in Österreich und der Schweiz) kein rechtlich geschützter Begriff, der einen exakten Roggenanteil vorschreibt.

  • In den Leitsätzen für Brot und Kleingebäck wird das Bauernbrot meist als ein Brot mit einer kräftigen, oft bemehlten Kruste definiert.
  • Es handelt sich in der Regel um ein Mischbrot. Ob es ein Roggenmischbrot (über 50 % bis 90 % Roggen) oder ein Weizenmischbrot (über 50 % bis 90 % Weizen) ist, darf der Bäcker entscheiden – solange die Verkehrsbezeichnung korrekt auf dem Etikett steht. Viele Bauernbrote sind tatsächlich Weizenmischbrote mit einem Weizenanteil von 60 % oder 70 %.

2. Backtechnische Eigenschaften (Volumen und Lockerung)

Roggen und Weizen verhalten sich beim Backen grundlegend anders:

  • Weizen enthält Klebereiweiß (Gluten), das ein stabiles Gerüst bildet. Dadurch wird das Brot locker, luftig und bekommt viel Volumen.
  • Roggen enthält kaum Kleber, dafür aber sogenannte Schleimstoffe (Pentosane). Roggenteige sind klebrig, schwerer zu verarbeiten und das Brot wird kompakter und fester.
  • Das Ergebnis: Um ein Brot zu backen, das zwar rustikal aussieht („Bauernoptik“), aber dennoch schön locker und großvolumig ist, erhöhen viele Hersteller den Weizenanteil. Ein reines Roggenbrot wirkt oft kleiner und schwerer, was viele Kunden als weniger attraktiv empfinden.

3. Geschmacksvorlieben der Konsumenten

Roggen hat einen sehr kräftigen, herben und durch die notwendige Versäuerung (Sauerteig) oft säuerlichen Geschmack.

  • Der moderne Massengeschmack tendiert eher zu milderen Aromen.
  • Weizen verleiht dem Brot eine milde Süße und eine weichere Krume. Viele Industriebrote und Supermarkt-Bauernbrote sind daher so konzipiert, dass sie einer breiten Masse schmecken – und das erreicht man meist durch einen höheren Weizenanteil.

4. Wirtschaftlichkeit und Herstellungsdauer

Die Verarbeitung von Roggen ist aufwendiger:

  • Roggenmehl muss mit Sauerteig geführt werden, damit es backfähig wird (die Säure verhindert, dass Enzyme die Stärke vorzeitig abbauen). Das braucht Zeit und Know-how.
  • Weizenlastige Teige lassen sich schneller und einfacher maschinell verarbeiten. In der industriellen Produktion spart ein hoher Weizenanteil Zeit und damit Kosten.

5. Regionale Unterschiede

Was als „Bauernbrot“ bezeichnet wird, variiert stark je nach Region:

  • In Norddeutschland wird unter Bauernbrot oft ein kräftiges Roggenmischbrot verstanden.
  • In Süddeutschland oder Frankreich (Pain de campagne) ist das Bauernbrot traditionell oft eher weizenlastig. Da große Backketten und Supermärkte oft überregionale Standards nutzen, setzt sich häufig die weizenlastige, mildere Variante durch.

Woran erkennt man den tatsächlichen Roggenanteil?

Wenn Sie einen hohen Roggenanteil suchen, sollten Sie nicht auf den Namen „Bauernbrot“ vertrauen, sondern auf die Verkehrsbezeichnung auf dem Preisschild oder der Verpackung achten:

  1. Roggenbrot: Mindestens 90 % Roggenmehl.
  2. Roggenmischbrot: Mehr als 50 %, aber weniger als 90 % Roggenmehl.
  3. Weizenmischbrot: Mehr als 50 %, aber weniger als 90 % Weizenmehl (hier ist der Roggenanteil also gering).
  4. Zutatenliste: Die Zutaten sind nach Gewichtsanteil sortiert. Steht Weizenmehl vor Roggenmehl, ist mehr Weizen enthalten.

Fazit: Das „Bauernbrot“ ist heute meist ein Marketingbegriff für eine rustikale Optik. Wer den typischen Roggengeschmack und die längere Frischhaltung von Roggen möchte, sollte gezielt nach einem Roggenmischbrot mit mindestens 70 % Roggenanteil suchen.

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