Warum ist der Autofokus von Spiegelreflexkameras im Video-Modus oft langsam oder unpräzise?
Dass der Autofokus (AF) von Spiegelreflexkameras (DSLRs) im Videomodus oft schlechter abschneidet als beim Fotografieren durch den Sucher, liegt an der grundlegenden Bauweise dieser Kameras.
Hier sind die Hauptgründe für dieses Problem:
1. Das "Spiegel-Dilemma" (Phasenerkennung vs. Kontrastmessung)
Eine DSLR hat zwei völlig unterschiedliche Arten, den Fokus zu finden:
- Beim Fotografieren (Spiegel unten): Das Licht wird über den Spiegel auf einen dedizierten Phasendetektions-Sensor geleitet. Dieser Sensor ist extrem schnell, weil er sofort erkennt, ob das Bild vor oder hinter dem Fokus liegt und wie weit das Objektiv bewegt werden muss.
- Im Videomodus (Spiegel oben): Damit das Licht den Bildsensor für die Videoaufnahme erreicht, muss der Spiegel hochgeklappt werden. Dadurch wird der schnelle Phasendetektions-Sensor "blind". Die Kamera muss nun direkt über den Bildsensor fokussieren. Ältere oder günstigere DSLRs nutzen hierfür die Kontrastmessung.
2. Die Trägheit der Kontrastmessung (Das "Pumpen")
Die Kontrastmessung funktioniert nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“:
- Die Kamera verschiebt den Fokus und prüft, ob der Kontrast an den Kanten im Bild zunimmt.
- Da die Kamera nicht weiß, in welche Richtung sie fokussieren muss, fährt sie oft erst kurz in die falsche Richtung, bemerkt den Kontrastverlust und kehrt um.
- Um den schärfsten Punkt zu finden, muss sie über den Punkt maximaler Schärfe hinausfahren und dann wieder zurückkehren. Das erzeugt das typische „Hinfahren und Herumpumpen“ (Focus Hunting), was in Videos sehr störend wirkt.
3. Objektiv-Technologie
Viele klassische DSLR-Objektive wurden für die Fotografie optimiert. Ihre Motoren (z. B. Ultraschallmotoren wie Canon USM oder Nikon SWM) sind darauf ausgelegt, ein Element blitzartig an eine Position zu schießen und dort zu stoppen.
- Ruckartige Bewegungen: Für Video braucht man weiche, fließende Übergänge. Ältere Motoren können diese feinen Schritte oft nicht präzise genug ausführen.
- Geräuschentwicklung: Diese Motoren sind im Videomodus oft deutlich als Rattern oder Klacken auf der Tonspur zu hören.
4. Rechenaufwand und Hitze
Die kontinuierliche Analyse eines Videoschwenks auf Kontraste in Echtzeit erfordert viel Rechenleistung. Bei älteren Modellen waren die Prozessoren oft nicht schnell genug, um dies flüssig und ohne Verzögerung (Lag) zu berechnen, während sie gleichzeitig die Videodaten komprimieren mussten.
Die Ausnahme: Warum manche DSLRs es doch gut können
Hersteller haben später Technologien entwickelt, um dieses Problem zu lösen:
- Dual Pixel CMOS AF (Canon): Hier fungieren die Pixel auf dem Bildsensor selbst als Phasendetektions-Sensoren. Damit fokussieren diese DSLRs im Videomodus fast so schnell und präzise wie eine spiegellose Kamera.
- Hybrid-Autofokus: Eine Kombination aus Kontrast- und Phasenelementen auf dem Sensor.
- STM-Objektive (Stepping Motor): Diese wurden speziell für Video entwickelt, um lautlos und gleichmäßig zu fokussieren.
Fazit
Der Autofokus von DSLRs im Videomodus ist oft deshalb so schlecht, weil das Kamerasystem für den Betrieb mit heruntergeklapptem Spiegel optimiert wurde. Im Videomodus wird die Kamera quasi zu einer "schlechten" spiegellosen Kamera, da ihr die spezialisierten Sensoren auf dem Bildsensor fehlen, die moderne spiegellose Systemkameras (DSLM) von Grund auf eingebaut haben.