Warum führt ein „Nachdrücken“ nach dem ersten Auslöse-Klicken zu falschen Werten?

Melden

Das „Nachdrücken“ oder ein mehrmaliges Knackenlassen bei einem Drehmomentschlüssel führt deshalb zu falschen Werten, weil dadurch das vorgegebene Drehmoment überschritten wird.

Hier sind die physikalischen und mechanischen Gründe im Detail:

1. Der mechanische Anschlag

Ein herkömmlicher Drehmomentschlüssel (Knickschlüssel) funktioniert über eine Feder und eine Kugel oder einen Hebel im Inneren. Wenn das eingestellte Drehmoment erreicht ist, „rutscht“ der Mechanismus kurz weg – das ist das spürbare Klicken und das kurze Nachgeben des Griffs.

  • Das Problem: Dieser Auslöseweg ist sehr kurz. Sobald dieser Weg am Ende ist, verhält sich der Drehmomentschlüssel wieder wie ein starrer Hebel. Wenn du in diesem Moment weiterdrückst, addierst du unkontrolliert zusätzliche Kraft auf die Schraube.

2. Überwindung der Haftreibung (Das "Zweite Klicken")

Viele Anwender drücken ein zweites oder drittes Mal nach, um „sicherzugehen“. Das ist jedoch kontraproduktiv:

  • Um eine bereits festgezogene Schraube erneut in Bewegung zu versetzen, muss die Haftreibung überwunden werden. Diese ist deutlich höher als die Gleitreibung während des eigentlichen Drehvorgangs.
  • Damit der Schlüssel ein zweites Mal knackt, musst du oft einen Kraftimpuls aufwenden, der über dem eingestellten Wert liegt. Das Ergebnis: Die Schraube wird fester angezogen als gewollt.

3. Massenträgheit und Reaktionszeit

Wenn du den Schlüssel zu schnell bewegst oder beim Klicken nicht sofort stoppst, wirkt die kinetische Energie deines Arms weiter. Da der Mensch eine gewisse Reaktionszeit hat, drückst du nach dem Klickgeräusch fast immer noch ein kleines Stück weiter. Je öfter oder ruckartiger du „nachdrückst“, desto massiver ist die Überreizung des Materials.

4. Die Gefahr: Plastische Verformung

Schraubverbindungen sind so berechnet, dass sie sich im elastischen Bereich dehnen (wie eine harte Feder). Durch das Nachdrücken gelangst du schnell in den plastischen Bereich:

  • Die Schraube wird überdehnt und zieht sich nicht mehr zusammen.
  • Die Klemmkraft sinkt paradoxerweise wieder, oder die Schraube reißt im schlimmsten Fall ab.

Was ist die richtige Vorgehensweise?

  1. Gleichmäßiger Zug: Ziehe den Schlüssel langsam und stetig, nicht ruckartig.
  2. Stopp beim ersten Klick: Sobald es klickt oder der Schlüssel auslöst, ist das Ziel erreicht. Sofort aufhören!
  3. Kein "Kontroll-Klicken": Einmaliges Auslösen reicht. Ein zweites Mal erhöht nur die Fehlertoleranz nach oben.

Zusammenfassend: Das „Nachdrücken“ hebelt die Präzisionsmechanik des Werkzeugs aus und macht den Drehmomentschlüssel zu einem einfachen, ungenauen Hebeleisen.

0