Warum führt der Begriff „Berliner“ in Westdeutschland und Ostdeutschland oft zu unterschiedlichen kulinarischen Assoziationen?
Die unterschiedlichen Assoziationen mit dem Begriff „Berliner“ sind ein klassisches Beispiel für regionale sprachliche Entwicklungen im deutschen Sprachraum. Dass es dabei oft zu Missverständnissen zwischen Menschen aus West- und Ostdeutschland (bzw. Berlin) kommt, liegt an der Verkürzung des ursprünglichen Namens.
Hier ist die Erklärung für dieses kulinarische „Sprachwirrwarr“:
1. Der Ursprung: „Berliner Pfannkuchen“
Das Gebäck, um das es geht – ein in Fett ausgebackener Hefeteigballen mit Marmeladenfüllung –, heißt historisch eigentlich korrekt „Berliner Pfannkuchen“.
Da dieser Name im Alltag zu lang war, haben sich in verschiedenen Regionen unterschiedliche Verkürzungen durchgesetzt:
- In fast ganz Westdeutschland: Man strich das Wort „Pfannkuchen“ und behielt die Herkunftsbezeichnung bei. Das Gebäck wurde zum „Berliner“.
- In Berlin und großen Teilen Ostdeutschlands: Man strich die Herkunftsbezeichnung (denn in Berlin muss man ja nicht betonen, dass der Pfannkuchen aus Berlin kommt) und behielt das Wort „Pfannkuchen“ bei.
2. Das Missverständnis mit dem „Eierkuchen“
Daraus ergibt sich ein Folgeproblem bei der Bezeichnung für das, was man in der Pfanne flach ausbackt (den klassischen Crêpe-artigen Pfannkuchen):
- Im Westen: Da das Wort „Pfannkuchen“ hier für das flache Pfannengericht reserviert ist, ist die Unterscheidung klar: Berliner = rundes Fettgebäck, Pfannkuchen = flaches Eiergericht.
- Im Osten/Berlin: Da „Pfannkuchen“ hier bereits das runde Fettgebäck bezeichnet, braucht man für das flache Pfannengericht ein anderes Wort. Man nennt es dort meist „Eierkuchen“.
Die paradoxe Situation beim Bäcker:
- Bestellt ein Westdeutscher in Berlin einen „Berliner“, wird er meist verstanden, aber als Tourist identifiziert.
- Bestellt ein Berliner im Westen einen „Pfannkuchen“, bekommt er vermutlich ein flaches Eiergericht serviert oder erntet einen verwirrten Blick, da Bäcker diese meist gar nicht verkaufen.
3. Weitere regionale Varianten
Um das Chaos perfekt zu machen, gibt es noch weitere Begriffe, die gar nichts mit der Ost-West-Grenze zu tun haben:
- Süddeutschland und Österreich: Hier sagt man meist „Krapfen“.
- Hessen und Teile von Rheinland-Pfalz: Hier ist der Begriff „Kreppel“ (oder Kräppel) üblich.
- Aachen/Region: Hier nennt man sie oft „Puffel“.
Zusammenfassung
Der Konflikt entsteht, weil Berlin (als Namensgeber) und die umliegenden ostdeutschen Regionen das Wort Pfannkuchen für das Schmalzgebäck beanspruchen, während der Rest Deutschlands den Begriff für das flache Eiergericht nutzt und das Schmalzgebäck schlicht nach seiner Herkunft Berliner nennt.
Ein berühmtes Beispiel für dieses sprachliche Fettnäpfchen ist übrigens das Zitat von John F. Kennedy: „Ich bin ein Berliner.“ Während Westdeutsche und Amerikaner darin das Bekenntnis zur Stadt sahen, amüsierten sich manche Berliner (und Sprachpfleger) darüber, dass er sich – streng nach lokaler Grammatik – als Marmeladengebäck bezeichnet habe (auch wenn der Kontext natürlich jedem klar war).