Warum bieten unelastische Mullbinden oft keinen ausreichenden Halt am Körper?
Unelastische Mullbinden (auch Starrbinden genannt) bieten oft keinen ausreichenden Halt, weil sie physikalisch nicht in der Lage sind, sich den dynamischen Veränderungen des menschlichen Körpers anzupassen.
Hier sind die Hauptgründe im Detail:
1. Fehlende Anpassung an Volumenänderungen
Der Umfang von Armen oder Beinen ist nicht statisch. Er ändert sich ständig durch:
- Muskelanspannung: Wenn ein Muskel arbeitet, schwillt er an.
- Bewegung: Gelenke verändern beim Beugen ihre Form.
- Ödeme: Schwellungen können im Laufe des Tages zu- oder abnehmen. Eine unelastische Binde gibt nicht nach. Wenn der Muskel anschwillt, wird sie zu eng (Gefahr von Abschnürungen); wenn der Muskel wieder erschlafft oder die Schwellung zurückgeht, wird die Binde locker und rutscht.
2. Die konische Form der Extremitäten
Arme und Beine sind nicht zylinderförmig, sondern konisch (kegelförmig) – sie werden zum Rumpf hin dicker.
- Eine elastische Binde zieht sich durch ihre Eigenstromspannung an den schmaleren Stellen zusammen und schmiegt sich an.
- Eine unelastische Binde hingegen liegt nur locker auf oder wirft Falten, sobald sie sich minimal bewegt. Da sie keinen „Zug“ nach innen ausübt, rutscht sie bei Bewegung unweigerlich in Richtung der schmaleren Stelle (z. B. vom Oberschenkel zum Knie oder von der Wade zum Knöchel).
3. Fehlende Eigenhaftung (Kohäsion)
Klassische Mullbinden bestehen meist aus glattem Baumwoll- oder Viskosegewebe. Sie haben keine Oberflächenstruktur, die an sich selbst haftet (anders als moderne kohäsive/selbsthaftende Binden). Die einzelnen Lagen gleiten aufeinander, wodurch der Verband instabil wird („Teleskop-Effekt“: der Verband zieht sich wie ein Fernrohr auseinander).
4. Faltenbildung und Druckstellen
Da sich unelastisches Material nicht an die Körperkonturen (wie Knöchel, Fersen oder Ellenbogen) anschmiegen kann, bilden sich beim Wickeln zwangsläufig Falten. Diese Falten verringern nicht nur die Haftung, sondern können auch schmerzhafte Druckstellen oder Hautirritationen verursachen.
5. Geringer Ruhedruck
In der Kompressionstherapie unterscheidet man zwischen:
- Arbeitsdruck: Der Druck, der entsteht, wenn der Muskel gegen den Widerstand der Binde drückt (hier sind unelastische Binden sehr stark).
- Ruhedruck: Der Druck, den die Binde bei entspanntem Muskel ausübt. Unelastische Binden haben fast keinen Ruhedruck. Sobald man sich nicht bewegt oder die Position leicht verändert, geht die Spannung des Verbandes verloren, und er verliert seinen Halt.
Zusammenfassung
Unelastische Mullbinden sind eher dafür gedacht, Wundauflagen kurzfristig zu fixieren, wo keine große Bewegung stattfindet. Für Verbände an Gelenken oder Extremitäten, die über längere Zeit halten sollen, werden heute fast immer elastische Fixierbinden oder kohäsive Binden bevorzugt, da diese durch ihre Rückstellkraft permanenten Kontakt zur Haut halten.