Warum besagt eine alte Faustregel, dass man Austern nur in Monaten mit dem Buchstaben „R“ essen sollte?
Die alte Faustregel, Austern nur in Monaten mit dem Buchstaben „R“ zu essen (also von September bis April), hat einen historischen und biologischen Hintergrund. Sie stammt aus einer Zeit vor der modernen Kühltechnik und bezog sich auf drei Hauptgründe:
1. Kühlung und Haltbarkeit (Der wichtigste historische Grund)
Bevor es LKWs mit verlässlicher Kühlung und moderne Kühlschränke gab, war der Transport von frischen Meeresfrüchten im Sommer (Mai, Juni, Juli, August – alles Monate ohne „R“) extrem riskant. Austern sind sehr leicht verderblich. Bei sommerlichen Temperaturen vermehrten sich Bakterien (wie Salmonellen oder Vibrio-Bakterien) rasend schnell, was oft zu schweren Lebensmittelvergiftungen führte.
2. Die Fortpflanzungszeit (Geschmack und Textur)
Die Sommermonate sind die natürliche Laichzeit der europäischen Austern. In dieser Zeit investieren die Tiere ihre gesamte Energie in die Fortpflanzung. Das hat zwei Auswirkungen:
- Geschmack: Die Austern werden „milchig“ oder fettig, da sie Keimzellen produzieren. Viele Feinschmecker empfinden den Geschmack in dieser Phase als weniger delikat, eher süßlich-fad und die Konsistenz als unangenehm weich oder schleimig.
- Bestandsschutz: Früher dienten Fangverbote in den Sommermonaten auch dazu, die Austernbestände zu schützen, damit sie sich ungestört vermehren konnten.
3. Algenblüten (Toxine)
In den warmen Sommermonaten kommt es in den Meeren häufiger zur sogenannten Algenblüte (z. B. die „Rote Tiede“). Einige dieser Algen produzieren Giftstoffe. Da Austern Filtrierer sind, reichern sie diese Toxine in ihrem Körper an. Der Verzehr solcher Austern kann für Menschen gefährlich sein.
Gilt die Regel heute noch?
Jein. Aus gesundheitlicher Sicht ist sie heute weitgehend überholt, aber es gibt Nuancen:
- Moderne Kühlketten: Dank lückenloser Kühlung vom Fang bis zum Restaurant ist das Bakterienrisiko heute auch im Sommer minimal.
- Triploide Austern („Vier-Jahreszeiten-Austern“): In der modernen Aquakultur werden oft sogenannte triploide Austern gezüchtet. Diese sind steril, pflanzen sich also nicht fort. Dadurch werden sie im Sommer nicht milchig und behalten das ganze Jahr über ihre feste Konsistenz und ihren gewohnten Geschmack.
- Herkunft: Austern aus der südlichen Hemisphäre oder aus sehr kalten Gewässern haben andere oder gar keine ausgeprägten Laichzyklen im europäischen Sommer.
Fazit: Man kann heute das ganze Jahr über bedenkenlos Austern essen, sofern sie aus seriösen Quellen stammen. Wer jedoch Wert auf die traditionelle, feste Textur der klassischen Wildauster legt, fährt mit der „R-Regel“ geschmacklich immer noch am besten.