Seit wann nutzen Menschen Taschentücher zur Nasenhygiene?
Die Geschichte des Taschentuchs ist eine Entwicklung vom luxuriösen Statussymbol hin zum hygienischen Einwegsartikel. Dass wir es spezifisch zur Nasenhygiene nutzen, ist – gemessen an der Menschheitsgeschichte – eine relativ junge Entwicklung.
Hier ist die chronologische Übersicht:
1. Antike: Schweiß und Etikette (ca. 2. Jahrhundert v. Chr. – 5. Jahrhundert n. Chr.)
Schon die Römer kannten Tücher, allerdings nicht primär für die Nase:
- Das Sudarium (Schweißtuch) wurde genutzt, um sich das Gesicht abzuwischen.
- Das Orarium diente eher als zeremonielles Tuch oder zum Winken (z.B. im Circus Maximus).
- Sich in der Öffentlichkeit die Nase zu schnäuzen, galt bei den Römern als extrem unhöflich. Wer es tun musste, tat es meist diskret mit den Fingern oder der Tunika.
2. Mittelalter: Die Hand oder der Ärmel (bis ca. 15. Jahrhundert)
Im europäischen Mittelalter war das Taschentuch als Gebrauchsgegenstand fast völlig unbekannt.
- Die einfache Bevölkerung nutzte die Hand, den Handrücken oder den Ärmel.
- Interessanterweise gilt der englische König Richard II. (1367–1400) oft als „Erfinder“ des modernen Stofftaschentuchs. In seinen Haushaltsrechnungen tauchen kleine Stoffstücke auf, die er nutzte, um sich „die Nase zu reinigen“. Es war damals ein exklusives Luxusgut des Adels.
3. Renaissance: Der Beginn der Etikette (16. Jahrhundert)
Mit der Renaissance änderte sich das Benehmen bei Tisch. Der Gelehrte Erasmus von Rotterdam veröffentlichte 1530 ein Anstandsbuch (De civilitate morum puerilium), in dem er festlegte:
- Es sei unhöflich, sich die Nase am Tischtuch oder am Ärmel zu reinigen.
- Man solle stattdessen ein Tuch verwenden.
- Das Taschentuch war zu dieser Zeit jedoch immer noch ein Prestigeobjekt aus kostbarer Spitze oder Seide, das man oft eher zur Schau stellte, als es wirklich „schmutzig“ zu machen.
4. 18. und 19. Jahrhundert: Das Taschentuch für alle
Zwei Faktoren führten dazu, dass das Stofftaschentuch zum Standard für die Nasenhygiene wurde:
- Schnupftabak: Im 18. Jahrhundert wurde das Schnupfen von Tabak Mode. Da dies die Nase reizte und braune Flecken hinterließ, brauchte man dunkle oder gemusterte Tücher zur Reinigung.
- Industrialisierung: Durch die maschinelle Weberei wurde Baumwolle billig. Nun konnten sich auch einfache Leute Stofftaschentücher leisten. Gleichzeitig wuchs das Bewusstsein für Hygiene (Bakteriologie im 19. Jh. durch Pasteur und Koch), was den Gebrauch von Tüchern statt der bloßen Hand förderte.
5. 20. Jahrhundert: Die Papier-Revolution
Der entscheidende Wendepunkt für die moderne Nasenhygiene war die Erfindung des Papiertaschentuchs:
- 1924: Die US-Firma Kimberly-Clark bringt Kleenex auf den Markt (ursprünglich zum Entfernen von Make-up/Abschminkcreme gedacht).
- 1929: In Deutschland wird das Warenzeichen Tempo angemeldet. Die Idee war, ein hygienisches Einwegtuch zu haben, das man nach dem Schnäuzen wegwirft, statt die Keime in der Hosentasche mit sich herumzutragen.
Zusammenfassung
- Seit wann? Als Luxusgut für die Nase seit dem späten 14. Jahrhundert (Adel).
- Wann für alle? Als allgemeiner Hygienestandard im 19. Jahrhundert (Stoff).
- Wann modern? Die heutige Form der Nasenhygiene (einmal benutzen, wegwerfen) setzte sich erst ab den 1930er Jahren durch.
Bevor es Taschentücher gab, war das „Schneuzen in die Finger“ übrigens keine Barbarei, sondern gesellschaftlicher Standard – es gab sogar Regeln, welche Finger man dafür (nicht) benutzen durfte, besonders beim Essen.