Seit wann ist Speiseeis in Europa bekannt und verbreitet?

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Die Geschichte von Speiseeis in Europa lässt sich in zwei Phasen unterteilen: die Zeit, in der es ein exklusives Luxusgut für den Adel war, und die Zeit, in der es für die breite Bevölkerung zugänglich und verbreitet wurde.

Hier ist der zeitliche Ablauf:

1. Die Vorläufer (Antike bis Mittelalter)

Schon in der Antike kannten Griechen und Römer gekühlte Speisen. Dabei handelte es sich jedoch nicht um Speiseeis im heutigen Sinne, sondern um Gletscherschnee, der mit Honig, Früchten oder Wein gemischt wurde. Mit dem Untergang des Römischen Reiches geriet dieses Wissen in Europa weitgehend in Vergessenheit.

2. Die „Wiederentdeckung“ und der Adel (16. und 17. Jahrhundert)

Das moderne Speiseeis, wie wir es kennen (gefrorene Massen aus Fruchtsaft, Zucker oder Milch), kam über Italien nach Europa.

  • Der Einfluss des Orients: Arabische Händler brachten Rezepte für „Sherbet“ (fruchtige Kaltgetränke) nach Sizilien.
  • Der Durchbruch der Kältetechnik: Die entscheidende Entdeckung war die Kältemischung (Eis plus Salpeter oder Salz), mit der man Flüssigkeiten unter den Gefrierpunkt abkühlen konnte, ohne dass das Eis direkt im Nachtisch landete.
  • Florenz und Paris: Im 16. Jahrhundert entwickelten Köche am Hofe der Medici (z. B. Bernardo Buontalenti) cremige Nachspeisen. Als Katharina von Medici den französischen König Heinrich II. heiratete (1533), soll sie die Eismacher nach Frankreich gebracht haben (historisch ist dies jedoch umstritten).
  • Das erste Eiscafé: 1686 eröffnete der Sizilianer Francesco Procopio dei Coltelli in Paris das Café Procope. Er verkaufte dort erstmals Speiseeis an ein bürgerliches (wenn auch wohlhabendes) Publikum. Damit wurde Speiseeis in der gehobenen Gesellschaft bekannt.

3. Die Verbreitung im 18. und 19. Jahrhundert

Im 18. Jahrhundert verbreitete sich das Wissen über die Herstellung in ganz Europa. Es gab die ersten gedruckten Kochbücher mit Eisrezepten (z. B. 1718 in England). Dennoch blieb Eis teuer, da man auf natürliches Eis aus „Eishäusern“ angewiesen war, das im Winter aus Teichen geschlagen und isoliert gelagert wurde.

  • 1843: Die Amerikanerin Nancy Johnson erfand die handbetriebene Eismaschine mit Kurbel, was die Herstellung erheblich erleichterte.
  • Ab 1870: Die Erfindung der Kältemaschine durch Carl von Linde ermöglichte die künstliche Erzeugung von Eis. Damit war man nicht mehr auf Natureis angewiesen.

4. Der Siegeszug als Massenprodukt (20. Jahrhundert)

Wahrhaft verbreitet im Sinne eines Produkts für jedermann wurde Speiseeis erst im 20. Jahrhundert:

  • Italienische Wanderarbeiter: Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zogen Eismacher aus den Dolomiten (besonders aus dem Val di Zoldo) durch Europa und verkauften Eis aus Karren. Viele eröffneten später die ersten festen Eisdielen (in Deutschland ab den 1920er Jahren massiv).
  • Industrielle Fertigung: In den 1920er und 30er Jahren begann die industrielle Produktion (z. B. Schöller oder Langnese).
  • Haushaltstechnik: Erst mit der weiten Verbreitung von elektrischen Kühlschränken und Gefriertruhen in den Privathaushalten (in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, ca. 1950er/60er Jahre) wurde Eis zu einem alltäglichen Lebensmittel, das man jederzeit im Supermarkt kaufen konnte.

Zusammenfassung

  • Bekannt (in elitären Kreisen): Seit dem späten 17. Jahrhundert.
  • Verbreitet (als erschwinglicher Genuss für das Volk): Seit dem späten 19. Jahrhundert (Eiswagen) und endgültig durch die industrielle Kühlung nach 1950.