Können Menschen mit Fluchterfahrung durch den Namen „Granatsplitter“ in einer Bäckerei retraumatisiert werden?
Die kurze Antwort lautet: Ja, das ist theoretisch möglich.
In der Psychotraumatologie ist bekannt, dass sogenannte Trigger (Auslöser) sehr individuell und oft unerwartet sein können. Ob der Name eines Gebäcks eine Retraumatisierung auslösen kann, hängt von verschiedenen Faktoren ab.
Hier ist eine detaillierte Einordnung:
1. Die psychologische Wirkung von Triggern
Ein Trigger ist ein Reiz, der bei Menschen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) blitzartig Erinnerungen an das traumatische Erlebnis wachruft. Das Gehirn unterscheidet in diesem Moment nicht zwischen der aktuellen sicheren Situation (Bäckerei) und der vergangenen Gefahr (Krieg/Flucht).
- Wort-Trigger: Das Wort „Granatsplitter“ ist ein sehr spezifischer Begriff aus dem militärischen Bereich. Für jemanden, der Explosionen miterlebt hat oder durch Granaten verletzt wurde, ist das Wort direkt mit Todesangst, Schmerz und Zerstörung verknüpft.
- Visuelle Trigger: Auch die Form des Gebäcks (unregelmäßig, zackig, dunkel), die den Namen inspirierte, kann in Kombination mit dem Namen assoziative Brücken zum Erlebten schlagen.
2. Warum heißt das Gebäck so?
Der Name stammt aus einer Zeit (vor allem nach den Weltkriegen), in der die deutsche Sprache und Kultur stark vom militärischen Vokabular geprägt waren. Das Gebäck besteht oft aus Resten von Kuchen und Creme, die zusammengefügt und mit Schokolade überzogen werden. Die unregelmäßige, „zerfetzte“ Form erinnerte die Namensgeber an die damals allgegenwärtigen Metallsplitter von Artilleriegeschossen. Was damals vielleicht ein „galgenhumoriger“ Umgang mit der Realität war, wirkt heute auf Menschen, die vor modernem Artilleriefeuer geflohen sind, völlig anders.
3. Wahrscheinlichkeit einer Retraumatisierung
Ob es tatsächlich zu einer schweren Retraumatisierung oder „nur“ zu einem starken Unwohlsein kommt, ist unterschiedlich:
- Sprachbarriere: Wenn Geflüchtete das Wort noch nicht verstehen, ist die Gefahr geringer. Sobald sie jedoch Deutsch lernen und die Bedeutung verstehen, kann der Effekt eintreten.
- Schwere der Traumatisierung: Menschen, die physisch durch Schrapnelle (Splitter) verletzt wurden, sind besonders gefährdet.
- Kontext: In einer friedlichen Umgebung wie einer Bäckerei erwartet man keine Konfrontation mit Kriegsbegriffen. Diese Unvorbereitetheit macht Trigger oft besonders wirksam.
4. Aktuelle Debatte und Alternativen
In der Gastronomie und im Bäckereihandwerk gibt es seit einigen Jahren eine Sensibilisierung für dieses Thema. Einige Bäckereien benennen das Gebäck um, um niemanden vor den Kopf zu stoßen oder zu erschrecken. Mögliche Alternativen sind:
- Schokoberg
- Rumhügel
- Felsenkeks
- Bergsteiger
Fazit
Während viele Einheimische den Namen als rein traditionelle Bezeichnung ohne Hintergedanken wahrnehmen, kann er für Menschen mit Fluchterfahrung ein belastender Reiz sein. Es ist kein „Luxusproblem“ der politischen Korrektheit, sondern eine klinische Realität, dass spezifische kriegsnahe Begriffe bei Überlebenden Panikattacken, Flashbacks oder Dissoziationen auslösen können.
Ein bewusster Umgang mit Sprache kann in diesem Fall helfen, den öffentlichen Raum für alle Menschen sicherer zu gestalten.