Inwiefern täuschen Hersteller Verbraucher durch die Zugabe von viel Schutzwasser (Glasing) bei gefrorenen Scampis?
Die Zugabe von Schutzwasser (Glasing oder Glasur) bei gefrorenen Meeresfrüchten wie Scampis oder Garnelen ist technisch gesehen sinnvoll, wird aber von Herstellern oft am Rande der Legalität genutzt, um Verbraucher zu täuschen.
Hier sind die wichtigsten Punkte, wie diese Täuschung in der Praxis funktioniert:
1. Optische Täuschung durch Volumen
Durch eine dicke Eisschicht (die oft 10 % bis 25 %, in Extremfällen sogar bis zu 40 % des Gesamtgewichts ausmacht) wirken die Scampis in der Verpackung deutlich größer und zahlreicher. Der Verbraucher hat im Supermarkt den Eindruck, eine ergiebige Mahlzeit zu kaufen. Nach dem Auftauen bleibt jedoch oft nur ein Bruchteil des Volumens übrig – das sogenannte „Shrinkage-Phänomen“.
2. Verschleierung des tatsächlichen Kilopreises
Dies ist der finanziell relevanteste Aspekt.
- Die rechtliche Lage: Laut EU-Lebensmittelinformationsverordnung muss bei glasierten Lebensmitteln das Netto-Gewicht ohne die Glasur angegeben werden. Der Grundpreis (Euro pro kg) muss sich ebenfalls auf das Gewicht ohne Eis beziehen.
- Die Täuschung: Viele Hersteller drucken das Bruttogewicht (inkl. Eis) groß auf die Vorderseite, während das echte Abtropfgewicht nur klein auf der Rückseite steht. Verbraucher vergleichen im Laden oft intuitiv die Packungsgrößen oder die großen Zahlen und merken erst zu Hause, dass sie für teures Geld eigentlich Leitungswasser gekauft haben.
3. Qualitätsmängel kaschieren
Eine dicke Eisschicht kann dazu dienen, die eigentliche Qualität der Ware zu verbergen:
- Gefrierbrand: Eine extrem dicke Glasur kann bereits vorhandenen Gefrierbrand (ausgetrocknete Stellen am Fleisch) verdecken.
- Bruchware: In einer dicken Eishülle lässt sich schlechter erkennen, ob die Garnelen intakt sind oder ob es sich um minderwertige Bruchstücke handelt.
4. Das Problem mit der „Netto-Falle“
Obwohl das Gesetz vorschreibt, dass das Eis nicht mitgewogen werden darf, gibt es in der Realität oft Abweichungen:
- Untersuchungen von Verbraucherschützern (z. B. der Verbraucherzentralen) zeigen regelmäßig, dass bei Stichproben das angegebene Abtropfgewicht unterschritten wird.
- Das im Fleisch gebundene Wasser (oft durch die Zugabe von Phosphaten erhöht, die Wasser im Gewebe binden) wird beim Auftauen ebenfalls frei. Das bedeutet: Selbst wenn das Eis abgerechnet ist, verliert die Garnele in der Pfanne nochmals massiv an Gewicht, weil künstlich hinzugefügtes Zellwasser austritt.
Was ist eigentlich „normal“?
Eine Glasur von 8 % bis 12 % gilt als technisch notwendig, um die Scampis vor Oxidation (Ranzigwerden) und Austrocknung (Gefrierbrand) zu schützen. Alles, was darüber hinausgeht (oft 20 % oder mehr), dient primär der Gewinnmaximierung durch den Verkauf von Wasser zum Preis von Edelfisch.
Tipps für Verbraucher:
- Abtropfgewicht prüfen: Achten Sie auf der Rückseite der Packung auf die Angabe „Netto-Abtropfgewicht“. Nur diese Zahl zählt für die Menge an Essen, die Sie tatsächlich erhalten.
- Grundpreis vergleichen: Schauen Sie auf das Preisschild am Regal. Der dort angegebene Kilopreis muss sich auf das Gewicht ohne Eis beziehen.
- Inhaltsstoffe checken: Wenn neben Garnelen und Wasser auch Phosphate (E450, E451, E452) oder Citrate gelistet sind, ist dies ein Hinweis darauf, dass das Fleisch chemisch so behandelt wurde, dass es beim Wiegen mehr Wasser bindet.
- Blockware vs. IQF: „Individually Quick Frozen“ (IQF) Ware ist einzeln entnehmbar und braucht die Glasur als Schutz. Blockware (in einem Eisblock eingefroren) hat oft ein noch schlechteres Verhältnis von Fisch zu Wasser.
Fazit: Die Täuschung liegt weniger im Vorhandensein von Eis (das technisch nötig ist), sondern in der bewussten Maximierung der Eisschicht und der psychologischen Preistreiberei, bei der Wasser zum Preis von Meeresfrüchten verkauft wird.