Gibt es bereits verlässliche Langzeitstudien zu den gesundheitlichen Folgen des Dampfens?
Die Antwort auf diese Frage ist ein „Nein“ mit wichtigen Einschränkungen.
Obwohl E-Zigaretten seit etwa 15 bis 20 Jahren auf dem Markt sind, gibt es im wissenschaftlichen Sinne noch keine echten Langzeitstudien, die die Auswirkungen über 30, 40 oder 50 Jahre hinweg untersuchen – so wie wir sie beim Tabakrauchen haben. Dennoch wächst die Datenlage zu den mittelfristigen Folgen stetig.
Hier ist der aktuelle Stand der Wissenschaft (Stand 2024):
1. Das Problem der Zeitdauer
In der Medizin gelten Studien oft erst dann als „langfristig“, wenn sie die Entstehung von Krankheiten wie Krebs oder chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) beobachten, die oft Jahrzehnte zur Entwicklung brauchen. Da das Dampfen erst seit etwa 2010 ein Massenphänomen ist, fehlen uns schlicht die Probanden, die bereits 40 Jahre lang ausschließlich gedampft haben.
2. Was wir bereits wissen (Kurz- bis mittelfristig)
Aktuelle Studien (z. B. vom King’s College London oder dem Bundesinstitut für Risikobewertung) zeigen folgendes Bild:
- Atemwege: Dampfen kann Entzündungen in der Lunge verursachen und die Immunabwehr in den Bronchien schwächen. Es gibt Hinweise darauf, dass Dampfen das Risiko für Asthma und chronische Bronchitis erhöht, wenn auch in geringerem Maße als Tabak.
- Herz-Kreislauf-System: Das im Liquid enthaltene Nikotin führt zu einer Erhöhung von Herzfrequenz und Blutdruck. Zudem gibt es Studien, die zeigen, dass die Gefäßsteifigkeit kurz nach dem Dampfen zunimmt, was langfristig das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle erhöhen könnte.
- Zellveränderungen: Laboruntersuchungen zeigen, dass der Dampf (auch ohne Nikotin) oxidativen Stress in Zellen auslösen kann, was eine Vorstufe zu Krebserkrankungen sein kann.
3. Die „Harm Reduction“-Debatte (Schadensminimierung)
Die verlässlichsten Expertenberichte (z. B. von Public Health England) kommen zu dem Schluss, dass E-Zigaretten etwa 95 % weniger schädlich sind als herkömmliche Tabakzigaretten. Der Grund: Die meisten krebserregenden Stoffe beim Rauchen entstehen durch die Verbrennung. Da beim Dampfen nur eine Flüssigkeit erhitzt wird, fallen tausende Giftstoffe weg oder sind nur in viel geringeren Konzentrationen vorhanden.
Aber: „Weniger schädlich als Tabak“ bedeutet nicht „gesund“.
4. Schwierigkeiten bei der Erforschung
Es gibt zwei große Hindernisse für die Forschung:
- Dual-Use: Die meisten Dampfer haben früher geraucht oder rauchen aktuell noch parallel. Es ist extrem schwer zu unterscheiden, ob ein Lungenschaden durch das aktuelle Dampfen oder durch die 20 Jahre Rauchen davor entstanden ist.
- Vielfalt der Produkte: Es gibt tausende verschiedene Liquids und Aromen sowie unterschiedliche Gerätetypen (Wattzahl, Temperatur). Die chemische Zusammensetzung des Dampfes variiert dadurch stark, was allgemeingültige Aussagen erschwert.
5. Bekannte Risiken: EVALI und Aromen
- EVALI: Vor einigen Jahren gab es in den USA schwere Lungenschäden (EVALI). Diese wurden jedoch fast ausschließlich auf illegale THC-Liquids zurückgeführt, denen Vitamin-E-Acetat beigemischt war. In regulierten EU-Produkten ist dieser Stoff verboten.
- Aromen: Während viele Aromastoffe für den Verzehr (Essen) sicher sind, ist ihre Wirkung beim Inhalieren in die Lunge über Jahrzehnte noch kaum erforscht.
Fazit
Es gibt noch keine verlässlichen Studien über 30+ Jahre, die Krebs- oder Sterberaten von Dampfern exakt beziffern können.
Die aktuelle wissenschaftliche Einschätzung lautet:
- Für Raucher ist der Umstieg auf die E-Zigarette nach heutigem Wissen eine deutliche gesundheitliche Verbesserung (Schadensminimierung).
- Für Nichtraucher stellt das Dampfen ein unnötiges Gesundheitsrisiko dar, da man die Lunge regelmäßig chemischen Substanzen und Suchtmitteln aussetzt, deren kumulative Wirkung über ein ganzes Leben hinweg noch unbekannt ist.
Wichtigste Empfehlung: Wer weder raucht noch dampft, sollte nicht damit anfangen. Wer raucht, findet im Dampfen eine wahrscheinlich deutlich weniger schädliche Alternative, sollte aber langfristig den kompletten Ausstieg anstreben.