Führt ein Übermaß an Montagepaste dazu, dass Bauteile trotz korrekter Verschraubung verrutschen?
Die kurze Antwort lautet: Ja, ein Übermaß an Montagepaste kann dazu führen, dass Bauteile verrutschen oder sich lockern, selbst wenn das korrekte Drehmoment angewendet wurde.
Hier sind die physikalischen und mechanischen Gründe, warum das passiert:
1. Herabsetzung des Reibwerts (Reibungskoeffizient)
Verschraubungen halten Bauteile primär durch Kraftschluss (Reibung) zusammen. Die Schraube erzeugt eine Klemmkraft, die die Bauteile aufeinanderpresst.
- Das Problem: Montagepasten sind darauf ausgelegt, die Reibung zu verringern (um Festfressen zu verhindern). Wenn zu viel Paste zwischen die eigentlichen Kontaktflächen der Bauteile (nicht nur ins Gewinde) gelangt, sinkt der Reibwiderstand drastisch.
- Die Folge: Die Bauteile können bei Querbelastungen (Scherkräften) aneinander vorbeigleiten, da die Reibung nicht mehr ausreicht, um sie an Ort und Stelle zu halten.
2. Der "Aquaplaning"-Effekt (Hydraulischer Film)
Wenn eine dicke Schicht Paste zwischen zwei planen Flächen eingeschlossen wird, kann ein dünner Schmierfilm entstehen.
- Das Problem: Beim Festziehen wird die Paste nicht immer vollständig verdrängt. Es bleibt ein mikroskopisch dünner „Polster“ bestehen.
- Die Folge: Unter Last oder Vibration kann sich dieser Film setzen oder seitlich wegdrücken. Dadurch verliert die Schraubverbindung ihre Vorspannkraft – die Verbindung wird locker, obwohl sie anfangs "fest" war.
3. Verfälschung des Drehmoments
Das Drehmoment ist nur ein indirektes Maß für die tatsächliche Klemmkraft. Ein Großteil des Drehmoments wird normalerweise benötigt, um die Reibung im Gewinde und unter dem Schraubenkopf zu überwinden.
- Das Problem: Wenn das Gewinde und die Kopfauflage extrem stark geschmiert sind, sinkt der Widerstand beim Drehen.
- Die Folge: Bei gleichem Drehmoment wird die Schraube viel stärker gedehnt als vorgesehen. Dies kann zur Überdehnung der Schraube führen. Ist die Schraube erst einmal plastisch verformt (überdehnt), verliert sie ihre elastische Federwirkung und kann die Bauteile nicht mehr sicher zusammenhalten.
4. Besonderheit: Carbon-Bauteile (z. B. am Fahrrad)
Hier ist der Effekt besonders kritisch.
- Normale Montagepaste (fettbasiert) ist hier kontraproduktiv, da sie die Reibung senkt.
- Stattdessen nutzt man Carbon-Montagepaste, die Partikel (Grit) enthält, um die Reibung zu erhöhen. Aber auch hier gilt: Ein massives Übermaß kann dazu führen, dass die Partikel wie "Kugellager" wirken oder das Bauteil nicht satt aufliegt.
Wo ist es besonders gefährlich?
- Radnaben/Felgen: Paste auf den Kontaktflächen zwischen Felge und Radnabe kann dazu führen, dass die Scherkräfte beim Bremsen/Beschleunigen allein auf die Radbolzen wirken, anstatt durch die Reibung der Flächen übertragen zu werden. Die Bolzen können abscheren.
- Klemmverbindungen (Lenker, Vorbau, Sattelstütze): Hier führt zu viel Schmiermittel fast immer zum Verrutschen.
Empfehlung:
- Hauchdünn auftragen: Montagepaste sollte so dünn aufgetragen werden, dass die Metallstruktur noch erkennbar ist (fast wie ein Film, nicht wie eine Schicht Sahne).
- Nur wo nötig: Paste gehört ins Gewinde und gegebenenfalls unter den Schraubenkopf. Die eigentlichen Kontaktflächen der Bauteile sollten (sofern nicht anders vom Hersteller vorgeschrieben) sauber und fettfrei sein.
- Überschuss entfernen: Alles, was nach dem Festziehen an den Seiten herausquillt, sollte abgewischt werden.