Wird der Begriff „objektiv“ oft missbraucht, um die eigene Meinung als unantastbare Wahrheit darzustellen?

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Ja, der Begriff „objektiv“ wird in Diskussionen, in der Politik und in den Medien sehr häufig als rhetorisches Werkzeug missbraucht, um der eigenen Sichtweise eine unantastbare Autorität zu verleihen.

Man spricht hier oft von einer Scheinobjektivität. Hier sind die wichtigsten Gründe und Mechanismen, warum und wie dieser Missbrauch stattfindet:

1. Immunisierung gegen Kritik

Wenn jemand sagt: „Objektiv betrachtet ist das die beste Lösung“, signalisiert er damit: „Das ist keine Meinung, über die man streiten kann, sondern eine Tatsache.“ Wer dann widerspricht, stellt sich scheinbar nicht gegen eine andere Meinung, sondern gegen die Realität oder die Logik selbst. Das dient dazu, den Gegenüber mundtot zu machen oder als irrational darzustellen.

2. Der „Naive Realismus“ (Psychologie)

Psychologisch unterliegen viele Menschen dem sogenannten naiven Realismus. Das ist die menschliche Neigung zu glauben, dass wir die Welt genau so wahrnehmen, wie sie „wirklich“ ist, während andere Menschen durch ihre Gefühle, Vorurteile oder Ideologien verzerrt denken. Wenn wir also sagen, wir seien objektiv, meinen wir oft eigentlich nur: „Ich sehe das so, und für mich ist es offensichtlich wahr.“

3. Verwechslung von Fakten und Interpretation

Objektivität bezieht sich im Idealfall auf nachprüfbare Fakten (z. B. „Die Arbeitslosenquote liegt bei 5 %“). Der Missbrauch beginnt bei der Interpretation dieser Fakten (z. B. „Objektiv gesehen ist die Wirtschaftspolitik also ein Erfolg“). Die Bewertung („Erfolg“) ist jedoch immer subjektiv und hängt von Werten und Zielen ab. Indem man das Wort „objektiv“ davorstellt, schummelt man die eigene Wertung als harte Tatsache in das Gespräch.

4. Machtanspruch und „Expertentum“

In Debatten wird „Objektivität“ oft als Statussymbol genutzt. Wer behauptet, objektiv zu sein, nimmt die Position eines neutralen Beobachters ein, der über den Dingen steht. Das ist eine Machtstrategie, um die eigene Perspektive als universell gültig darzustellen und andere Perspektiven als „emotional“ oder „befangen“ abzuwerten.

5. Das Problem des „View from Nowhere“

Der Philosoph Thomas Nagel prägte den Begriff des „Blicks von nirgendwo“. Absolute Objektivität würde voraussetzen, dass man keinen Standpunkt, keine Geschichte und keine Vorlieben hat. Da jeder Mensch aber einen Standpunkt hat (geprägt durch Erziehung, Kultur, Bildung), ist eine 100%ige Objektivität bei komplexen Themen kaum möglich. Wer behauptet, sie dennoch zu besitzen, verdeckt meist nur seine eigenen Voreingenommenheiten (Biases).

Woran erkennt man diesen Missbrauch?

Man sollte hellhörig werden, wenn:

  • Das Wort „objektiv“ dazu dient, moralische oder politische Urteile zu fällen.
  • Keine Gegenargumente mehr zugelassen werden.
  • Der Sprecher so tut, als gäbe es keine Alternative („alternativlos“ ist ein naher Verwandter der Scheinobjektivität).

Fazit: In der Wissenschaft ist Objektivität ein wichtiges (wenn auch schwer erreichbares) Ideal. Im Alltag und in der Politik ist sie jedoch oft ein rhetorischer Schutzschild, der dazu dient, die eigene Subjektivität zu tarnen und Diskussionen auf Augenhöhe zu verhindern.

Ein ehrlicherer Ansatz wäre oft der Begriff der Intersubjektivität: Man legt offen, auf welche Fakten man sich bezieht und wie man sie interpretiert, damit andere den Gedankengang nachvollziehen und (berechtigt) kritisieren können.