Wie wirkt es sich auf die Genauigkeit aus, wenn ein Drehmomentschlüssel nach Gebrauch nicht entspannt wird?
Wenn ein herkömmlicher Drehmomentschlüssel (mit einer eingebauten Feder) nach dem Gebrauch nicht entspannt wird, führt dies über kurz oder lang zu Ungenauigkeiten bei der Auslösung.
Hier ist die detaillierte Erklärung, was dabei im Inneren des Werkzeugs passiert:
1. Ermüdung der Feder (Setzverhalten)
Das Herzstück der meisten mechanischen Drehmomentschlüssel ist eine Schraubendruckfeder. Wenn Sie ein Drehmoment einstellen, wird diese Feder vorgespannt. Bleibt die Feder über längere Zeit (Tage oder Wochen) unter hoher Spannung, tritt ein physikalischer Effekt ein, den man „Kriechen“ oder „Setzen“ nennt.
- Das Material der Feder verliert einen Teil seiner Elastizität.
- Die Feder wird dauerhaft minimal gestaucht.
2. Die Folge: Früheres Auslösen
Da die Feder durch die dauerhafte Belastung an Spannkraft verliert, drückt sie nicht mehr mit der ursprünglich kalkulierten Kraft gegen den Auslösemechanismus.
- Das Ergebnis: Der Drehmomentschlüssel löst bei einem niedrigeren Wert aus, als auf der Skala eingestellt ist.
- Beispiel: Sie stellen 100 Nm ein, aber aufgrund der ermüdeten Feder knackt der Schlüssel bereits bei 90 Nm. Dies kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass sicherheitsrelevante Schrauben (z. B. am Fahrwerk oder Rad) nicht fest genug angezogen sind.
3. Verlust der Kalibrierung
Ein Drehmomentschlüssel ist ein Messwerkzeug. Die Genauigkeit ist nur garantiert, solange die Federkonstante dem Auslieferungszustand entspricht. Durch das Nicht-Entspannen „wandert“ der Schlüssel aus seiner Toleranz (meist +/- 3 % oder 4 % gemäß DIN EN ISO 6789) heraus. Er müsste dann neu kalibriert oder die Feder sogar ausgetauscht werden.
4. Gibt es Ausnahmen?
Nicht jeder Drehmomentschlüssel muss entspannt werden:
- Mechanische Schlüssel mit Biegestab: Es gibt Konstruktionen (z. B. von Herstellern wie Stahlwille), die nicht auf einer Spiralfeder unter Druck basieren, sondern ein Biegeelement nutzen. Diese müssen nicht entspannt werden.
- Elektronische/Digitale Drehmomentschlüssel: Da hier die Messung über Dehnungsmessstreifen erfolgt und keine Feder vorgespannt wird, gibt es hier kein mechanisches Entspannen.
Was ist zu tun? (Best Practice)
- Auf den niedrigsten Wert zurückdrehen: Nach der Arbeit sollte der Schlüssel auf den kleinsten Wert der Skala zurückgedreht werden (meist dort, wo die Skala beginnt).
- Nicht unter den Skalenwert drehen: Man sollte den Schlüssel nicht komplett „lose“ drehen, da sonst der Mechanismus im Inneren verrutschen oder beschädigt werden kann. Einfach bis zum untersten markierten Skalenpunkt drehen.
- Regelmäßige Prüfung: Profi-Werkzeuge sollten einmal im Jahr oder nach ca. 5.000 Auslösungen kalibriert werden.
Fazit: Wenn Sie Ihren Drehmomentschlüssel gespannt lagern, riskieren Sie, dass er mit der Zeit „weich“ wird und zu früh auslöst. Die Schraubverbindungen erreichen dann nicht mehr die erforderliche Vorspannkraft.