Wie problematisch ist die Trennung im Buchhandel, wenn Comics für Kinder nur in der Spielwarenabteilung statt bei der Literatur stehen?
Die Einordnung von Kindercomics in der Spielwarenabteilung statt in der Literaturabteilung ist ein Thema, das im Buchhandel und in der Leseförderung kontrovers diskutiert wird. Es gibt gute Gründe, warum dies als problematisch angesehen wird, aber auch Argumente, die aus betriebswirtschaftlicher Sicht dafür sprechen.
Hier ist eine Analyse der verschiedenen Aspekte:
Warum die Trennung als problematisch gilt:
1. Abwertung des Mediums (Stigmatisierung) Wenn Comics bei Spielzeug stehen, wird das Signal gesendet: „Das ist kein echtes Lesen, das ist Spielerei.“ Dies verstärkt das alte Vorurteil, dass Comics minderwertige Literatur oder bloße Zeitvertreib-Produkte seien. Damit wird dem Comic der Status als Kulturgut abgesprochen.
2. Hürden für die Leseförderung Comics sind oft ein „Türöffner“ zum Lesen, besonders für Kinder, die Schwierigkeiten mit reinem Text haben. Stehen sie in der Literaturabteilung, werden sie als Teil der Lesewelt wahrgenommen. Stehen sie beim Spielzeug, fehlt die Brücke zu anderen Büchern. Eltern, die gezielt nach Lesestoff suchen, übersehen die Comics dort eventuell.
3. Suchlogik und Auffindbarkeit Kunden, die eine fachkundige Beratung zu Kinderliteratur suchen, gehen in die Buchabteilung. Dort arbeiten meist Buchhändler, die über Erzählstrukturen und pädagogische Aspekte Bescheid wissen. In der Spielwarenabteilung steht oft die Marke (z. B. LEGO, Pokémon, Disney) im Vordergrund, nicht die literarische Qualität oder die künstlerische Gestaltung.
4. Fehlende Differenzierung Comic ist nicht gleich Comic. Es gibt einen Unterschied zwischen einem billig produzierten Heftchen mit Plastik-Gimmick und einer hochwertigen Graphic Novel für Kinder. Durch die Platzierung beim Spielzeug werden diese Unterschiede nivelliert; alles landet im Topf „Merchandising“.
Warum der Buchhandel es trotzdem oft so macht (Die Logik dahinter):
1. Niedrige Hemmschwelle Kinder, die von sich aus vielleicht nie in eine „staubige“ Buchabteilung gehen würden, halten sich gerne bei den Spielwaren auf. Dort greifen sie eher spontan zu einem Comic. Die Platzierung nutzt den Impulskauf-Effekt.
2. Querverkäufe (Cross-Selling) Wenn ein Kind ein Star-Wars-Lego-Set kauft, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es auch den passenden Star-Wars-Comic mitnimmt. Aus rein kommerzieller Sicht macht es Sinn, verwandte Produkte räumlich zu bündeln.
3. Frequenzbringer Comics und Zeitschriften (oft mit Spielzeugbeilage) locken Kunden regelmäßig in den Laden. In großen Kaufhäusern dienen sie dazu, Kinder in die Spielwarenabteilung zu ziehen, wo dann teurere Produkte verkauft werden können.
Die Folgen für die Wahrnehmung
In Ländern mit einer ausgeprägten Comic-Kultur (wie Frankreich oder Belgien) wäre eine solche Trennung undenkbar. Dort sind Comics „Bandes Dessinées“ – die neunte Kunst – und stehen selbstverständlich gleichberechtigt neben Romanen.
In Deutschland führt die Platzierung beim Spielzeug zu einer Zweiteilung des Marktes:
- Hochwertige Comics/Graphic Novels wandern in die Buchabteilung (oder spezialisierte Comicläden).
- Massenmarkt-Comics/Heftchen landen beim Spielzeug oder am Kiosk.
Fazit
Die Trennung ist vor allem dann problematisch, wenn sie dazu führt, dass Comics generell nicht als ernstzunehmende Leseförderung anerkannt werden. Wenn ein Kind den Comic nur als „Beilage zum Plastikspielzeug“ wahrnimmt, geht der literarische Wert verloren.
Die ideale Lösung für moderne Buchhandlungen ist oft eine Doppelplatzierung oder eine gut kuratierte Comic-Ecke innerhalb der Kinderbuchabteilung, die zeigt: „Hier wird gelesen, aber mit Bildern – und das macht Spaß!“