Wer hat in einer Gesellschaft die Macht zu definieren, welche Informationen als „objektiv“ gelten dürfen?

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Die Frage, wer definiert, was als „objektiv“ gilt, rührt an die Grundfesten der Soziologie, Politologie und Philosophie. In der Theorie ist Objektivität eine unvoreingenommene Darstellung der Realität. In der gesellschaftlichen Praxis ist „Objektivität“ jedoch oft das Ergebnis von Aushandlungsprozessen und Machtstrukturen.

Man kann verschiedene Akteure und Mechanismen identifizieren, die die Deutungshoheit darüber innehaben, was als wahr oder objektiv anerkannt wird:

1. Die Wissenschaft (Das methodische Ideal)

In modernen Gesellschaften ist die Wissenschaft die primäre Instanz für Objektivität. Durch Peer-Review-Verfahren, Reproduzierbarkeit und methodische Strenge versucht sie, subjektive Einflüsse zu eliminieren.

  • Die Macht: Wissenschaftliche Institutionen definieren die Standards des Beweisbaren.
  • Die Einschränkung: Wissenschaft ist nicht frei von Interessen (Drittmittel, politische Agenda) und Paradigmenwechseln (Thomas Kuhn). Was heute als objektiv gilt, kann morgen durch neue Daten widerlegt werden.

2. Der Staat und seine Institutionen

Der Staat legt durch Gesetze, Lehrpläne in Schulen und offizielle Statistiken (z. B. Statistisches Bundesamt) fest, welche Daten als offizielle Realität gelten.

  • Die Macht: Er definiert die „Normalität“. Wer staatlich anerkannte Zertifikate oder Titel besitzt, gilt als legitimer Sprecher der Wahrheit.
  • Die Einschränkung: In Demokratien wird dies durch Gewaltenteilung und eine freie Öffentlichkeit kontrolliert; in Autokratien wird Objektivität oft durch staatliche Propaganda ersetzt.

3. Die Massenmedien (Die Gatekeeper)

Journalisten und Medienhäuser entscheiden durch Selektion („Gatekeeping“) und Einbettung („Framing“), welche Informationen das Publikum erreichen und in welchem Kontext sie stehen.

  • Die Macht: Lange Zeit galt: Was nicht in der Zeitung steht oder im Fernsehen kommt, existiert gesellschaftlich nicht. Medien definieren den „Korridor des Sagbaren“.
  • Die Einschränkung: Durch das Internet und soziale Medien haben die klassischen Medien ihr Monopol auf die Informationsverbreitung teilweise verloren.

4. Wirtschaftliche Akteure und Think Tanks

Große Unternehmen und Interessenverbände beeinflussen die Wahrnehmung von Objektivität durch PR, Lobbyismus und die Finanzierung von Studien.

  • Die Macht: Wer über die Ressourcen verfügt, kann Narrative (Erzählungen) so lange wiederholen, bis sie als „Fakten“ wahrgenommen werden (z. B. jahrzehntelange Debatten über die Schädlichkeit von Tabak oder den Klimawandel).

5. Algorithmen und Tech-Giganten (Die neue Macht)

Heute entscheiden Algorithmen von Google, Meta oder TikTok, welche Informationen wir sehen.

  • Die Macht: Sie definieren Objektivität nicht durch Qualität, sondern durch Relevanz und Engagement. Wenn eine Information in einer Filterblase milliardenfach geteilt wird, wird sie für diese Gruppe zur „gefühlten Objektivität“.

Philosophische Perspektive: Macht und Wissen

Der französische Philosoph Michel Foucault prägte den Begriff des Macht-Wissen-Komplexes. Er argumentierte, dass Wissen niemals neutral ist. Wer die Macht hat, bestimmt die Diskurse. „Wahrheit“ ist demnach ein System von Verfahren zur Erzeugung, Regelung und Verbreitung von Aussagen.

Wer hat also die Macht?

Es gibt nicht den einen Akteur. Stattdessen ist Objektivität das Resultat eines Kräfteverhältnisses:

  1. In stabilen Zeiten: Es herrscht ein Konsens zwischen Wissenschaft, seriösen Medien und staatlichen Institutionen.
  2. In Krisenzeiten: Die Macht verschiebt sich. Es kommt zur „Pluralisierung der Wahrheiten“, in der verschiedene Gruppen (z. B. Querdenker, Aktivisten, Tech-Milliardäre) versuchen, ihre Sichtweise als die „eigentliche“ Objektivität darzustellen.

Fazit: Die Macht, Objektivität zu definieren, liegt bei denjenigen, die die Infrastruktur der Informationsverbreitung kontrollieren und über die Glaubwürdigkeit (Evelutionäres Kapital) verfügen, die von einer breiten Mehrheit der Gesellschaft akzeptiert wird. Wenn das Vertrauen in diese Institutionen schwindet, zerbricht auch der gemeinsame Begriff von Objektivität.

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