Wer erfand das erste moderne Papiertaschentuch und welche Zielgruppe sollte damit ursprünglich angesprochen werden?

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Bei der Beantwortung dieser Frage muss man zwischen der weltweiten Erfindung und der Markteinführung in Deutschland unterscheiden, da beide eine unterschiedliche Geschichte und Zielgruppe hatten.

1. Die weltweite Erfindung: Kleenex (USA)

Das erste moderne Papiertaschentuch im heutigen Sinne wurde von der US-amerikanischen Firma Kimberly-Clark entwickelt und 1924 unter dem Markennamen Kleenex auf den Markt gebracht.

  • Ursprüngliche Zielgruppe: Die Zielgruppe waren primär Frauen.
  • Ursprünglicher Zweck: Kleenex wurde ursprünglich nicht zum Naseputzen beworben, sondern als Mittel zum Abschminken (als "Cold Cream Remover"). Es sollte eine hygienische Alternative zu Stoffhandtüchern sein, um Make-up und Gesichtscremes zu entfernen.
  • Der Wandel: Erst nachdem Kundenbriefe zeigten, dass viele Menschen das Produkt zum Naseputzen verwendeten (insbesondere bei Heuschnupfen und Erkältungen), änderte die Firma 1930 ihre Marketingstrategie und bewarb Kleenex als Taschentuch.

2. Die deutsche Erfindung: Tempo (Deutschland)

In Deutschland gilt die Vereinigte Papierwerke AG in Nürnberg (Besitzer waren damals die Brüder Oskar und Emil Rosenfelder) als Erfinder des modernen Papiertaschentuchs. Sie meldeten am 29. Januar 1929 das Warenzeichen „Tempo“ beim Reichspatentamt an.

  • Die Innovation: Das Besondere an Tempo war die Beschaffenheit. Während frühere Versuche mit Zellstoff oft rau waren und schnell rissen, war das Tempo-Taschentuch durch ein spezielles Verfahren (Zellstoff mit einem gewissen Anteil an Baumwolle oder besonderer Pressung) weich und reißfest zugleich.
  • Ursprüngliche Zielgruppe: Die Zielgruppe war die urbane Bevölkerung der „Goldenen Zwanziger“, die Wert auf Hygiene und Zeitersparnis legte.
  • Hintergrund der Vermarktung: Der Name „Tempo“ spiegelte den Zeitgeist der 1920er Jahre wider – alles musste schneller, moderner und effizienter werden. Die Zielgruppe waren Menschen, die sich den „Luxus“ der Hygiene leisten wollten: Anstatt schmutzige Stofftaschentücher (die Bakterienherde waren) zu waschen und zu bügeln, warf man das Papiertaschentuch einfach weg. Besonders während der Weltwirtschaftskrise wurde es als fortschrittliches Hygieneprodukt vermarktet.

Zusammenfassung

  • Wer: Kimberly-Clark (USA, 1924) / Oskar & Emil Rosenfelder (Deutschland, 1929).
  • Zielgruppe (USA): Frauen (zum Abschminken).
  • Zielgruppe (Deutschland): Die moderne, hygienebewusste Stadtbevölkerung (als praktischer Ersatz für das Stofftaschentuch).

Interessanter Fakt am Rande: Die Brüder Rosenfelder mussten als Juden während der NS-Zeit 1933 aus Deutschland fliehen und ihr Unternehmen unter Wert verkaufen (Arisierung). Der Käufer war der Unternehmer Gustav Schickedanz (Quelle-Gründer).