Welche Zielgruppen wollen überregionale Zeitungen primär ansprechen?
Überregionale Zeitungen in Deutschland (wie die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt oder das Handelsblatt) richten sich an eine spezifische Leserschaft, die über lokale Interessen hinausblickt. Man kann die Zielgruppen in verschiedene Kategorien unterteilen:
1. Sozioökonomische Merkmale (Die „Elite“)
Die primäre Zielgruppe zeichnet sich meist durch ein überdurchschnittliches Profil aus:
- Hoher Bildungsgrad: Ein Großteil der Leser verfügt über das Abitur oder einen Hochschulabschluss.
- Hohes Einkommen: Die Leser gehören oft zu den einkommensstarken Haushalten (A- und B-Schichten), was sie auch für die Werbeindustrie (Luxusgüter, Autos, Finanzen) extrem attraktiv macht.
- Berufliche Position: Angesprochen werden primär Entscheidungsträger (Manager, Führungskräfte), Selbstständige, Freiberufler (Anwälte, Ärzte) sowie Beamte im höheren Dienst.
2. Psychografische Merkmale (Interessen und Werte)
Die Leser überregionaler Zeitungen suchen nicht nur Nachrichten, sondern Einordnung:
- Informationsbedarf: Sie wollen tiefgründige Analysen, Hintergrundberichte und Kommentare zu Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft.
- Überregionales Interesse: Das Interesse gilt dem Weltgeschehen, der Bundespolitik und globalen Wirtschaftszusammenhängen, weniger dem lokalen Vereinsleben.
- Meinungsführerschaft: Die Leser verstehen sich oft als Multiplikatoren. Das sind Menschen, die Informationen weitergeben und in ihrem Umfeld (beruflich wie privat) die Meinung mitprägen.
3. Spezifische Ausrichtungen nach politischer/inhaltlicher Tendenz
Obwohl alle überregionalen Zeitungen den Anspruch der Objektivität haben, sprechen sie durch ihre Ausrichtung unterschiedliche Milieus an:
- Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ): Eher konservativ-liberal, starker Fokus auf Wirtschaft und das Bürgertum. Zielgruppe: Wirtschaftsentscheider, bürgerliche Intellektuelle.
- Süddeutsche Zeitung (SZ): Linksliberal, starkes Feuilleton, Fokus auf investigativem Journalismus. Zielgruppe: Urbanes, akademisches Milieu, eher progressiv eingestellt.
- Die Welt: Konservativ-marktwirtschaftlich, oft pointierter. Zielgruppe: Leistungsorientierte Leser, eher im konservativen oder wirtschaftsliberalen Spektrum angesiedelt.
- Handelsblatt: Reine Wirtschafts- und Finanzfokussierung. Zielgruppe: Investoren, Manager, Finanzinteressierte.
- taz (die tageszeitung): Alternativ, ökologisch, linksorientiert. Zielgruppe: Umweltbewusste, politisch Aktive, eher im links-alternativen Spektrum.
4. Sonderfall: Die Boulevardpresse (BILD)
Die BILD ist zwar auch eine überregionale Zeitung, verfolgt aber eine völlig andere Zielgruppenstrategie:
- Massenmarkt: Sie spricht die breite Bevölkerung über alle Bildungsschichten hinweg an.
- Emotionalisierung: Die Zielgruppe sucht schnelle Information, Unterhaltung und Identifikation (Emotionen statt tiefer Analyse).
Zusammenfassend:
Überregionale Qualitätszeitungen sprechen primär die „kognitive Elite“ des Landes an: Menschen, die die Gesellschaft und Wirtschaft aktiv mitgestalten, über ein hohes verfügbares Einkommen verfügen und einen hohen Anspruch an die journalistische Tiefe und Qualität haben. Sie fungieren als Leitmedien, die die Themen für den gesellschaftlichen Diskurs setzen.